Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Das antike Judentum [Rezension]
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 520 (sequence 6)
- Language
- German
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Umschau: Soziologie „außen" Erlaubtem macht den Gedanken „der religiösen »Bewährung* durch »innerweltliche Askese**, der die spezifische Berufsgesinnung des Puritanlsmus bestimmt, unmöglich. „Denn dieser konnte nicht auf etwas an sich Verwerflichem, nur gewissen Kategorien von Personen gegenüber Erlaubtem fußen.** Aber «— angenommen selbst, daß korrektes und zugleich intensives Wirtschaften auf dem Gefühl der „Bewährung** im" Sinne einer ethisch-religiösen Vorschrift beruhe — war zur damaligen Zelt Erwerb und Erwerb von Fremden im Judentum identisch, orientierte sich das Wirtschaften bereits wesentlich an einem Wirtsvolke? Richtig ist allerdings, daß die Patriarchengeschichte bereits deutlich derartige Züge aufweist (S. 339); aber es fragt sich eben, ob das berühmte Bild vom Israel, dem alle Völker Zinsen, damals dem wirtschaftlichen Status entsprach oder nur die Situation einer religiös-literarisch einflußreichen Wuchererschicht spiegelt. Unzweifelhaft maßten diese und andere Paradigmen ihre Wirkung ausüben, sobald dieser Typ jüdisches Wirtschaftssubjekt in der Majorität war; die Frage ist, wann dies geschah; eine Antwort beim gegenwärtigen Stand der antik-jüdischen Wirtschaftsgeschichte unmöglich. Wichtige bleibt die Webersche Feststellung — gegen Sombart und gegen alle, denen jüdische Religion in ein religiöses System gebrachter Schacher ist —, daß die ökonomische Bewährung für die religiöse irrelevant war. „Das Gebiet der Bewährung der Frömmigkeit in der Lebensführung liegt beim Juden auf einem durchaus anderen Gebiet als dem einer rationalen Bewältigung der ,Welt*, insbesondere der Wirtschaft.** (S. 360). Als das folgenreichste Moment für die Berufsgruppierung und -wertung der Juden scheint Weber die Möglichkeit einer Verbindung der Berufstätigkeit mit rituell korrekter Lebensführung anzusehen, ein Moment, das auch in der Gegenwart — wenn man die Dinge aus nicht allzu großer Nähe ansieht! — eine ungeheure Rolle spielt: es ist die Furcht der „'am-haareziuth** zu verfallen. Wenn er die Entstehung des stadtsässigen Pariavolkes aus dieser rituellen Schwierigkeit ableitet (S. 378) und so das jüdische Ritual gewissermaßen für die ökonomische Entwicklung des Judentums verantwortlich machen will, an einer anderen Stelle auch das Ghetto im Sinne sozialer Isolierung als primär im Dienste dieses Rituals selbstgewählt darstellte (S. 435), so mißt er ihm damit — vielleicht abermals historisch antizipierend — eine ganz ungeheuerliche Bedeutung bei. Beide Erscheinungenwerden ohne Zuhilfenahme eines primär psychischen, areligiösen Entgegenkommens und einer entsprechenden Tendenz der objektiven Wirtschaftsbedingungen kaum erklärlich sein. Von großem Interesse ist die Detailbemerkung, daß von den Pharisäern bestimmte Gewerbe perhorresziert würden (von hier aus bekanntlich unter teilweisem Wechsel der Gewerbe in den Talmud übergegangen). Wir stehen hier vor Erscheinungen, wie sie alle Völker aufweisen, die beispielsweise im mittelalterlichen Deutschland ihren spezifischen Niederschlag in den „unehrlichen** Gewerben gefunden haben, zu deren Erklärung aber rein rationale Motive nicht genügen. Daß zwischen Kleinbürgertum, namentlich Kleinhändlern und Handwerkern, und rituell korrektem Judaismus einst wie heute eine besonders innige Beziehung bestanden hat, ist übrigens unzweifelhaft. Eine Untersuchung der Gründe im einzelnen fehlt; sie wäre eine dankenswerte Aufgabe. Weber geht soweit, anzunehmen, daß die Proselyten des spätantiken Judentums in der Hauptsache diesen Schichten entstammten; ob das Uebertrittsmotiv wirklich Interesse „am Anschluß an die pharisäische Bruderschaftsorganisation" (S. 38) war, darf angezweifelt werden. — In dem nachgelassenen Torso über den Pharisäismus findet sich außer den eben zitierten Bemerkungen auch eine die jüdische Erziehung betreffende. Weber .meint, daß der -Kanon kraft seiner Rationalität und Popularität, die aber dennoch durch die Verschiedenartigkeit der Teile „einen Rahmen für religiöses Innenleben aller erdenklichen Gefühlslagen** (S. 414) schuf, ganz unvergleichlich gut auf kindliches Verständnis zugeschnitten war, „wie kein anderes helliges Buch auf der Welt, vielleicht die Geschichten von Jesus von Nazareth ausgenommen. Von allen kosmogonischen und anthropologischen Mythologemen ist eben das Pragma des überweltlichen, teils wie ein Vater, teils wie ein bald gnädiger bald ungnädiger König die Geschicke der Welt leitenden, sein Volk zwar liebenden aber doch, wenn es ungehorsam ist, hart strafenden, aber durch Gebet, Demut und sittliches Wohlverhalten wieder zu gewinnenden Einheitsgott diej enigeKonstruktlon, welche alle Geschehnisse der Welt und des Lebens in einer Art rational verständlich macht, wie sie der unbefangenen, nicht durch philosophische Spekulation subllmierten Auffassung der Massen und der Kinder entspricht.** In diesem Satze ist wunderbar zusammengefaßt, was die Jahrhunderte alte Unterrichtspraxis immer aufs Neue bestätigt hat, was so deutlich zu Tage tritt, wenn man darangeht, den Bildungsgehalt der Masse, auch der atheistisch gewordenen, zu untersuchen. Er ist eine der besten Rechtfertigungen dafür, warum sich jeder denkende Erzieher wird stets aufs neue bemühen müssen, den Gehalt des Kanon dem Kinde zu vermitteln, gleichgültig ob er seinen Voraussetzungen zustimmen kann oder nicht. Erwin Kohn Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Gustav Krojanker, Berlin. — Jüdischer Verlag, Berlin. Druck von Zahn <£ Baendtl, Kirchhain N.-L.