Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 517

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
Das antike Judentum [Rezension]
Date
1921-01-01
Page
517 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3101111-3101175-3101184-3107139--5379-3107209
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Umschau: Soziologie 517 an, wenn kurz darauf (S. 69) das Verbot, von armen Volksgenossen Zins zu nehmen (Ex. 22,25.)? das „primär der alten Brüderlichkeitsethik des Nachbarschaftsverbandes mit seiner Pflicht zinsloser Nothilfe entstammt**, zur „Quelle der-Scheidung zwischen Binnen- und Außehethik im Judentum" gemacht wird. Hier liegt einer der Fälle vor, in denen der Antimaterialist weitaus ökonomischer und schematischer auftritt als der historische Materialismus. Es heißt den irrationalen Triebkräften der jüdischen Ethik wirklich zu wenig gerecht werden, wenn man diese Faränese, von zweifelhafter Wichtigtigkeit für einen Bruchteil des Judenvolks, zu solcher Bedeutung erhebt. Der nationale Egoismus des antiken Judentums hatte gleich den modernen nationalen Egoismen ganz andere Möglichkeiten sich auszuleben und ganz andere Mittel sich zu befriedigen. Die Ueberbetonung dieses Gebotes, von dem nur die kleine Wuchererschicht angerührt werden konnte, sieht fast wie ein Anachronismus aus dem Lager derer aus, die zwischen Judentum und Schacher nicht mehr zu unterscheiden vermögen, und steht in Widerspruch mit dem Wirtschaftsbilde, das Weber selbst vom vorexilischen Judentum entwirft. Die Stärke des Buches liegt aber trotz der neuartigen Ansätze zu einer antik-jüdischen Wirtschaftsgeschichte, die es enthält, gerade in den Abschnitten, die den ökonomischen Soziologen als Außenseiter hätten am wenigsten interessieren dürfen: in der Darstellung der Prophetie. Eine ganze Anzahl von größtenteils verstreuten Bemerkungen läßt manche Detailzüge der Propheten in' einem neuen Lichte erscheinen und zeigt, wie aufschlußreich der Versuch einer vergleichenden Typologie der Propheten auch im psychologischen und ideengeschichtlichen Sinne war. Die Gesamtauffassung der Prophetie 'allerdings birgt ähnliche, wenn nicht schwerere Gefahren der Mißdeutung wie die Pariavolkskonzeption jn sich. Denn die Identifikation des Propheten mit einem „politischen Demagogen« und gelegentlichen „Pamphletisten** (S. 282) —oder sollte es sich bloß um eine Metapher handeln? — ruft notwendig die Vorstellung entweder der antik-hellenischen oder der modern-abendländischen Demagogie hervor, zweier Führerschaftstypen, mit denen die israelitische Prophetie sehr wenig gemein hat. Das wird insbesondere dort deutlich, Wo an einem Einzelereignis der Versuch einer Exemplifizierung dieser Identifikation unternommen wird: „Wenn dieser Prophet (Arnos) Gottes Zorn über Israel verkündigt, weil man das Prophezeien zu unterdrücken versuche, so war das etwa das. Gleiche, wie Wenn ein moderner Demagoge Pressfreiheit verlangt** (S. 285). Solche Metaphern sind Ungemein irreführend; das tertium comparationis ist sehr unklar und kann nur durch eingehende Analyse zu Tage gefördert werden. Denn ganz sicher ist — und stand für einen Religionspsychologen wie Weber zweifellos fest—, daß die psychologischen Beweggründe, die Wertigkeit der Zielsetzungen und -die Wahl der Mittel in beiden Fällen grundverschieden sind, so verschieden, wie eben nur religiöse Verkündigung und politische Journalisterei sein können. Eine gewisse Aehnlichkeit könnte in der soziologischen Stellung des Fordernden gefunden werden, aber auch hier ist das Verlangen nach Preßfreiheit in einer konstitutionlellen Monarchie, wobei in allerletzter Linie an eine Personalkritik des Monarchen gedacht zu werden pflegt, und die Forderung freier Prophezeiung, die nichts geringeres als tödliche Beschimpfung des Herscherhauses will und unaufhaltsamen Untergang der Volksgesamtheit verkündet, kaum „etwa** gleich zu nennen; noch weniger ein Fordern von der Parlamentstribüne unter dem Immunitätsschutze oder im Leitartikel einer Zeitung unter der Verantwortung eines „Sitzredakteurs** und ein Schreien auf offener Straße, den Tod durch Königshäscher oder eine aufgebrachte Menge vor Augen. Man kann diese Verständniskrücke für den Leser des 20. Jahrhunderts — wie so manche andere — wenden wie man will, sie vermittelt nur ein ^sehr verzerrtes, hyperrationales Verstehen.— Weber selbst liefert einen schönen und starken Gegenbeweis gegen seine Auffassung, wenn er (S. 118) die Einsamkeit als Wesensmerkmal des Unheilspropheten — und das ist der große jüdische Prophetentyp kat exochen — anführt, die ihn dem visuellen (kontemplativen) Choseh naherückt und ihn in Gegensatz zum auditiven (und motorischen) Nawi bringt. JDle soziologische Ursache verlegt Weber in die Unmöglichkeit berufsmäßiger Erlernung und erwerbsmäßiger Ausübung der Prophetie. Aber diese Ursache muß den Unheilspropheten noch viel stärker vom politischen Demagogen abrücken. Ein wenig weiter bringt er sogar ein striktes Gegenargument gegen die von uns bekämpfte Auffassung, wenn er die Prophetie zwar „der Art ihres Wirkens nach objektiv politische** Demagogie und Publizistik sein läßt, aber „subjektiv nicht politische** Parteigefolgschaft, „überhaupt nicht primär an politischen Interessen orientiert**. Wenn das— wie jedermann zugeben wird — der Fall ist, verliert doch der Ausdruck „politischer Demagoge**, der an die subjektivsten Politiker — von Perikles über Kleon zu Alkibiades herunter — anknüpft, dem Propheten gegen-- über seinen Sinn, Die Asozialität der Propheten, an vielen Stellen mit großem Nachdruck hervorgehoben, ist aber nicht nur ein Argument gegen den Weberschen Prophetiebegriff, sondern darüber hinaus sehr wohl geeignet, ein tieferes Verständnis der Prophetie überhaupt anzubahnen und die immer wieder trotz ihrer deutlichen Unzulänglichkeit unternommenen Versuche, Prophetie mit sozialem diesseitigen Gestal-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.