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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 516

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
Das antike Judentum [Rezension]
Date
1921-01-01
Page
516 (sequence 2)
Language
German
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5*6 Umschau: Soziologie materialistischen Konstruktionen, so deutlich die materialistische Historik auch an verschiedenen Stellen abgelehnt wird. Wichtiger als .diese Tatsache erscheint aber, daß die Auffassung der Juden als Parias von Urbeginn, sehr wohl geeignet ist, den Ablauf der jüdischen Geschichte als ungebrochene Linie anschauen zu lehren, allen Theorien über die dynamisch-psychische Wirksamkeit der Milieuveränderung seit der Diasporaentstehung die Spitze abzubrechen durch die Darstellung des landläufigen Judentyps als historischen a priori, durch die Annahme eines gewissen sozialpsychischen Entgegenkommens gegen das dem Juden bereitete Schicksal. Damit tritt die Webersche Darstellung in einen stellenweise sehr scharfen Gegensatz zu der christlich-theologischen Geschichtsschreibung, steht am nächsten etwa noch den Eduard Meyerschen Anschauungen, Sie ist aber auch der allgemeinen jüdischen Geschichtsauffassung, der fachgelehrten nicht nur, sondern auch der laienhaften zuwider: wir alle sind daran gewöhnt, das in Erez Israel seßhafte Judenvolk als ein nationales Gebilde anzusehen, das sich von anderen in vielen Richtungen sehr bedeutsam, keineswegs aber darin unterscheidet, daß es gegengegenüber seinen Anrainern als Paria dasteht. Und die vielleicht größte psychologische Forschungsschwierigkeit für Juden, die sich mit dem in Erez Israel bodenständigen Judentum beschäftigen, die bewirkt hat, daß die jüdische Forschung auf diesem Gebiete tatsächlich sehr weit hinter der protestantischtheologischen zurücksteht, dürfte nicht so sehr in traditionalistischer Scheu vor. Bibelkritik als vielmehr gerade darin bestehen, daß die Nachempfindung dieser Epochen im Juden versagt, daß ihm jüdische Geschichte im ganzen wirklich Pariavolksgeschichte ist, die Zeit territorialer Selbständigkeit ausgenommen, und er daher dieser anders gearteten Periode innerlich hilflos gegenübersteht, entweder die legendäre, von allem Folgenden ach so grundverschiedene Urzeit kritiklos bewundernd öder aber die Tatbestände judaistisch, galuthhaft, umdeutend. Weber scheint in vielen Stücken diesen letzteren Weg gegangen zu sein, und als Nichtjuden ist es ihm nicht schwer gefallen, ihn radikal bis ans Ende zu verfolgen. Die Versicherung, daß eine Auseinandersetzung über die „Richtigkeit" dieser Urhypothese, mit der die meisten der Weberschen Konklusionen, soweit sie vorexilisches Judenr tum angehen, stehen und fallen, wissenschaftlich unmöglich ist, bedarf kaum eines Beweises. Was übrig bleibt, ist allein, ihren Wert als heuristisches Prinzip zu prüfen. Als solches muß sie notgedrungen dazu führen, der — wie nochmals zu betonen ist, letzlich nur geographisch ableitbaren — Pariasituation als Wirkung alles zuzuschreiben, was in der jüdischen Historie und vor allem in der Ethik auf diese Weise deutbar scheint, und darf schließlich auch vor der Konzeption Jahwes als Pariavolksgott nicht zurückschrecken: an dieser Stelle, scheint sich nun jüdisches von nichtjüdischem Empfinden zu trennen oder die ganze Hypothese geht in die Brüche. Unbefangenem Empfinden stehen den wenigen dahin weisenden Zügen unzählbare andere gegenüber, die Jahwe zu nichts weniger als zur Pariavolksgottheit qualifizieren. Und der psychologische Ursprung der Gotteskonzeption ist im allgemeinen so dunkel und widerspruchsvoll — die Wahl identischer Anbetungsobjekte, beispielsweise eines „furchtbaren" Gottes, aus psychologisch geradezu entgegengesetzten Konstellationen, sie seien ganz vorläufig Anlehnung und Ergänzung genannt, möglich — daß jeder Schluß von Milieusituation auf Charakter der Gottheit höchst problematisch wird, gesetzt den Fall, er sei überhaupt vollziehbar und zulässig. Wer an diesen Stellen mit Weber mitkann, wird eine Anzahl neuer Erkenntnisse gewinnen, für den, der dies nicht vermag, steht der Wert der ganzen Arbeit in Frage. — Unberührt von diesem Kardinalproblem und darum von unbedingter Bedeutung bleiben die rein ökonomischen Deskriptionen der antik-jüdischen Wirtschaft, die hier zum erstenmal ein wirklich Fachkundiger gibt, und die dadurch einen besonderen Reiz erhalten, daß sie in engem Zusammenhang mit, stellenweise geradezu als Illustration der politischen Machtverteilung innerhalb des Volkes gebracht werden. Auch hier ist manches Fragezeichen statthaft, so insbesondere bei der Annahme von Handelsgewinsten, die zur Bewucherung des flachen Landes durch das Stadtpatriziat führen, zu einer relativ sehr frühen Zeit; dagegen sehr aufschlußreich die Aetiologie des agrarpolltischen Einschlags in den humanitären Vorschriften. Mit großem Recht hebt Weber hervor, daß solche Gesetze von ursprünglich zweifellos superstitiöser Herkunft nur Bestand haben und traditioneller Volksbrauch werden können, wenn sie sich ökonomisch-rational rechtfertigen lassen. Die jüdische Praxis läßt tatsächlich deutlich erkennen, welche der Vorschriften ökonomischen Bedürfnissen irgendwelcher bedeutenderer Schichten entsprachen und daher realisierbar waren und welche als priesterlich-intellektuallstischer Utopismus kraftloser Wunsch blieben. Sehr interessant — und wie mir scheint auch neu — ist die Auffassung des Sch'mittah- Jahres als Pacht- und Fronerlaßjahr für Kolonen; die Konsequenz wäre allerdings seine ausschließliche Gültigkeit für Kolonenland oder das Vorwiegen von Kolonenland innerhalb der damals landwirtschaftlich genutzten Fläche. Beides dürfte schwerlich nachweisbar sein. Sehr merkwürdig mutet es im Gegensatz zu diesen Konklusionen, die der Priorität des Irrationalen volles Recht zuteil werden lassen,

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