Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 8
- Article
- André Spire
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 508 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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508 f^ans Kohn: Linie Bernard Lazare und Joseph Reinach genannt werden müssen, waren es vor allem Christen, die den Kampf aufnahmen und durchfochten, ein Häuflein Intellektueller, denen es-sich nicht um die Ehre des Judentums handelte, nicht um die Rettung eines unschuldigen Juden, sondern um den Sieg des Rechtes und der Wahrheit gegenüber den egoistischen Interessen der französischen Gesellschaft. Diese Kämpfe der Dreyfusaffaire, der „Affaire" schlechthin, gehören zu den großen Epopöen der Menschengeschichte, des Kampfes des Gewissens, des Individuums gegen den Götzendienst der öffentlichen Meinung, gegen die starre Interessenpolitik der Nation oder des Staates. Andrö Spire schloß sich der kleinen Gruppe der Intellektuellen an, nach der Sitte des Landes und der Zeit hatte er auch ein Duell-mit einem Redakteur der katholisch-antisemitischen „Libre Parole", das damals einiges Aufsehen erregte. Große Hoffnungen erfüllten die Kämpfer der Dreyfuszeit, Hoffnungen auf eine durch ihre befreiende Tat mit herbeigeführte neue Zeit, wo mehr Wahrhaftigkeit, mehr Gerechtigkeit, mehr Menschlichkeit und Reinheit zu finden wäre.* Sehnsucht nach sozialen Reformen, nach Verbreitung von Licht und Aufklärung, Kampfgenossenschaft den herrschenden Schichten der Gesellschaft gegenüber führte diese Intellektuellen zu dem Proletariat. Die Bewegung der Volksuniversitäten, des Volkstheaters entstand. Andrä Spire nahm daran aktiven Anteil. Aber die Hoffnungen verflogen bald und machten einer Ernüchterung und Enttäuschung Platz. Der Sieg der kleinen Gruppe ideeller Dreyfuskämpfer wurde sofort durch eine wachsende Schar von Mitläufern ausgenutzt, die darin die Eröffnung einer fruchtbringenden politischen Laufbahn sahen, und die Arbeiter selbst zeigten sich für die stürmischen Versuche der Bourgeoisiejugend noch nicht reif. An zwei mutigen Organen, in den Cahiers de la Quinzaine von Charles Peguy und in den Pages libres von Charles Guieysse, die die Reste der ideellen Dreyfusards um sich scharten, arbeitete Andr£ Spire mit. Im letzteren veröffentlichte er Studien sozialer und politischer Natur, die auch von manchen interessanten Versuchen handeln, die damals unternommen wurden, um unter das Volk zu gehen und Keimzellen einer neuen gerechten Gesellschaft zu bilden. Seit seiner Jugend hatte Spire die Bemühungen der französischen Dichtkunst verfolgt, die seit den achtziger Jahren sich um eine Erneuerung ihrer Technik, um eine Befreiung aus den Traditionen der ererbten rhythmischen Gesetze bemüht hatte. In seinem ersten Gedichtband jedoch, La CiU präsente*), bedient er sich vorwiegend noch des Reimes und der klassischen Versmaße. Auch inhaltlich deutet sich der kommende reife Spire erst leise an. Er singt den Glanz der gegenwärtigen Stadt, Liebe und Natur und Musik, denn die Cite Promise, das gelobte Land, das er schon *) Dem die zwei obengenannten Gedichte angehören. Der Band erschien 1902 und enthält Gedichte von 1885 an bis 1902. (Das Titelblatt jgibt 189s—1902 an),