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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 507

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
André Spire
Date
1921-01-01
Page
507 (sequence 2)
Language
German
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IRI
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Andre .Splrg- 507 Andre Spire stammt aus Nancy*), der einzigen Stadt, wo, abgesehen von Metz und Elsaß, bereits vor der französischen Revolution Juden wohnen durften. Seine Familie, seit Jahrhunderten in Frankreich ansässig, scheint wie der Name andeutet, rheinländischen Ursprungs zu sein. In seinen Jugendjahren gab es in Nancy noch eh* jüdisches Milieu, in dem sich der zähe Konservativismus erhielt, der das elsässische und lothringische Judentum ausgezeichnet hat, und wo die Zersetzung durch die Einflüsse der Umgebung noch nicht sehr fortgeschritten war. Gegenüber dem Antisemitismus der Schulkameraden setzte man sich kräftig zur Wehr, die Tradition der Revolution hat den lothringischen Juden immer ein starkes Selbstbewußtsein gegeben. In einem Jugendgedichte, das ursprünglich den Titel „Der Jude und die Glocke" führte, dem aber bezeichnenderweise in der Buchpublikation nur das Wort „La Cloche" verblieb und das er seiner Mutter gewidmet hat, schildert Spire den Eindruck der über das Land hallenden Glockentöne auf ihn: Sie rufen ihn nicht zum frommen Gebet, sie erinnern ihn, daß sie für seine Ahnen oft das Signal wilden Aufflammens schlummernden Hasses, das Zeichen zum Morde und zur Flucht gewesen waren. In einem andern Jugendgedichte, der „Hymne an diejenigen, die mir, die Gesundheit verliehen haben", preist er die zarte Liebe seiner Ahnen für ihre Nachkommenschaft, die in ernster Ehe ihre Kraft vermehrt und nicht wie die besitzenden Klassen des Volkes, das er um sich sieht, in leichter Liebschaft vergeudet haben. „Und um euch zu ehren, die ich in mir trage, Schar meiner Ahnen, denen ich das Leben verdanke, lebe ich ernsten Freuden und tiefer Liebe, um nach euch das gesunde Leben und die Freude fortzupflanzen." Im Jahre 1891 kam Spire nach Paris, um dort seine Rechtsstudien fortzusetzen und die Kurse der Hochschule für politische Wissenschaften zu besuchen. Neigung und die Vorbilder seiner Zeit führten ihn zum Studium* der sozialen Fr?ge, zur Beschäftigung mit der Arbeiterbewegung. Es war der Einfluß Tolstojs, der in dem Beginn der neunziger Jahre der Stern des besten Teiles der intellektuellen Jugend in Piaris war**), und auch der des edlen Idealisten Faul Desjardins, die Spire in der Wahl seiner Studien beeinflußten. Ihre entscheidende Zeit erlebte diese Generation in den Kämpfen der DreyfusafFaire, während derer der Antisemitismus der französischen Gesellschaft auf manche Juden tiefen Eindruck machte. Freilich die meisten waren zu feig, den Kampf aufzunehmen, sie suchten eher auszuweichen, ihre Masken fester zu schließen und Anatole France hat mit einigen bissigen Bemerkungen in seiner „Histoire contemporaine" diese Israeliten gezeichnet, von denen er sagen kann, daß dieser oder jener Wahlbezirk antisemitisch gestimmt habe, weil dort viele Juden 'wohnten, die aus Angst den Antisemitismus förderten. Von wenigen Juden abgesehen, unter denen in erster *) Er wurde am 28. Juli 1868 geboren. **) S. darüber Romain Rolland in seinem Tolstojbuch und Suares in den Cahiers de J? Ouinzaine, XII. Serie, Heft 7. 33*

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