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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 506

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
André Spire
Date
1921-01-01
Page
506 (sequence 1)
Language
German
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IRI
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Sans Kohn: HANS KOHN / ANDRE SPIRE 1. Das Problem des jüdischen Dichters, dessen schaffendes Werkzeug fremde Sprachen sind, ist zwiespältig. Bei dem bildenden Künstler oder bei dem Musiker tritt die Frage der nationalen Zugehörigkeit nicht in den Vordergrund, das Material, dessen sie sich bedienen, um ihre schöpferische Leidenschaft zu objektivieren, ist jenseits nationaler Differenzen. Für das Kunstwerk aber ist das Material wesentlich, die inneren Gesetze der Harmonie, die verborgenen Schichtenlinien des Marmors bestimmen die Rhythmen des schöpferischen Ich, sind seiner Ekstase Grenze, Maß und Richtschnur, Einengung und Individualisierung. In einem höhern Sinne noch gilt das für die Sprache, die in ihrem jahrhundertelangen Werden nicht nur die Lautverbindungen, sondern die Gedankeilassoziationen geformt hat, die in sich das Erbe einer bestimmten Gemeinschaft trägt, nicht wie der Stein Naturgebilde, wie die Töne Erzeugnis physikalisch-mathematischer Funktionen ist. Das Gemälde oder die Symphonie sprechen zu allen Menschen eines gewissen Bildungsgrades; der Dichter jedoch wendet sich vorzüglich an seine Sprachgenossen, vor allem der lyrische Dichter, dessen Gedanke sich zu tiefst den rhythmischen Gesetzen der Sprachtradition fügen muß. Dennoch ist die Sprache etwas Sekundäres. Primär bleibt die schöpferische Leidenschaft, das innere Leben des Dichters, das im Kunstwerk seiner Explosion Maß und Grenze gibt. Diesem innern Leben zu tiefst liegt ebenfalls Ererbtes, die Traditionsgemeinschaft des Bluts, der gemeinsam erlebten Geschichte. Wir werden mit gutem Recht diejenigen Dichter, in deren Dichtungen wir diesen erlebten Kern Form gewinnen sehen, als zu ihrer Blutgemeinschaft gehörig betrachten, in welcher Sprache sie auch immer geschrieben haben. Dies bezieht sich auch auf Schriftsteller wie Alfred Mombert oder Suares*), umso mehr aber auf die, in denen sich mit den Wirkungen ihrer Abstammung auch das Bewußtsein davon eint, wie Richard Beer-Hofmann, Max Brod oder Israel Zangwill. Es ist dabei völlig unnötig daß der Inhalt ihrer Dichtungen jüdisch sei, es handelt sich darum, daß ihre Haltung der Welt gegenüber von Dichter und Leser als jüdisch empfunden werde. Zu dieser Gruppe jüdischer Dichter gehört auch Andrö Spire, dessen Werke in französischer Sprache abgefaßt sind. *) Üeber Suares als Jude vgl. die schönen Bemerkungen von Daniel Halevy („Quelques nouveaux maitres". Les Cahiers du Centre VI, 59, 60. 1914). Suares selbst in seiner Einleitung zum V. Band von Charles Peguys Werken (Ed. Nouvelle Revue Francaise 1919) nimmt zum Jüdischen in sich scharf ablehnend Stellung. Es ist da manche Aehnlichkelt mit der Haltung Weiningers (s. mein „Das kulturelle Problem des modernen Westjuden" in Heft 4/5, Jahrg, V.) verglichen mit der Jüdisches und Fremdes gleichsetzenden Haltung Heines (s. ebenda) oder in Frankreich Alexander Weills oder James Darmesteters (s. einen folgenden Artikel von mir über „Juden in der französischen Literatur").

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