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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 504

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
Das Judentum in der abendländischen Musik
Date
1921-01-01
Page
504 (sequence 10)
Language
German
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504 Heinrich Berl: durch die jahrtausende alte Entwicklung nach dem Nur-Harmonischen (das natürlicherweise auch in der nichtjüditfchen Musik nie ganz rein auftrat!). Das Judentum hat also die Musik nicht zur Entartung geführt, sondern zur Erneuerung. Und gerade Mahler und Schönberg mögen noch so sehr als Entartete verschrieen werden, sie sind Erneuerer im höchsten Maße. Der Jude kann unmöglich die Musik zur. Entartung bringen, weil er der musikalische Typus katexochen ist. Mahler und Schernberg sind also zugleich zwei Dinge: jüdische Musiker und Erneuerer der abendländischen Musik. Man mag das eine oder das andere oder beides ablehnen, je nach Einstellung und Betrachtung. Man wird aber auf die Dauer keines von beiden ablehnen können. Daß sie jüdische Musiker sind, sagt uns die psychologische Distinktion. Daß sie darum trotzdem die abendländische Musik erneuern können, sagt uns ihre Wirkung und schließlich die Tatsache, daß auch der Jude Mensch ist, nur eben jene Art Mensch, die sich durch Jahrtausende hindurch eine spezifische Eigenart bewahrt hat und deshalb Anspruch darauf hat, für sich betrachtet zu werden." VIII. Es gibt aber noch eine Quelle der Erneuerung, wenigstens für das Judentum: das chassidische Lied. Wie die östliche Kultur plötzlich hereingebrochen ist in das westliche Judentum, so auch sein wesentlichstes Glied: das Lied. Im chassidischen Lied ist die primäre Musikalität des jüdischen Volkes aufgestanden und hat so Echtes und Ursprüngliches geschaffen, wie es eben nur aus der Mitte eines Volkes herauswachsen kann, das Leben und Herz in sich trägt. Es ist dies ein wichtiges Zeichen für die musikalische Anlage des Juden. Zugleich ein Zeichen für die im Werden begriffene Kultur. Denn kein einziges Volk sieht heute das Volkslied aus seiner Mitte entstehen, nur dieser jüdische Osten bringt es unversieglich hervor. Auch Komponisten sind dort aufgetreten, die vielfach Singspiele zusammenstellen. Wichtiger als sie sind aber jedenfalls die ursprünglichen Volkslieder, vor allen Dingen die schönen Kinderlieder, die den ursprünglich infantilen Sinn des Juden so echt offenbaren; Liebeslieder, von der Keuschheit und Echtheit des Hohen Liedes, durchaus ein Dokument dafür, daß die Juden nicht, wie man allgemein hört, Träger der sexuellen Entartung sind; Arbeiterlieder, die in ihrer Einfalt zeigen, wie froh und lebendig der jüdische Arbeitsmann sein kann, ohne ein Opfer des berüchtigten Handelsgeistes zu werden; das religiöse Lied endlich, oft von erschütternder Inbrunst, wie das „Inser rebenju" oder „Jissmach Möische". Jedenfalls ist soviel sicher: eine Darstellung des jüdischen Kulturproblems muß in erster Linie mit diesen ostjüdischen Liedern beginnen, weil in ihnen der Grundquell rauscht alles jüdischen Wesens: das primäre Musikalische. Man behüte diese Lieder vor allen Harmonisierungen und Instrumentierungen und lasse sie rein in ihrer ursprünglichen Melodik wirken — man wird aus ihnen ein Stück, das wesentlichste Stück jüdischer Seele ver-

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