Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Das Judentum in der abendländischen Musik
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 503 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Judentum in der abendländischen Musik 503 triebhaft-elementar Schönberg im letzten Grunde vorgegangen ist. Wäre er nur dieser bewußt schaffende Mensch, so hätte er die Gesetze der Harmonie einfach umgangen. Aber er wollte nur die Bezirke des Harmonischen aus ihrer Enge befreien — das heißt nicht: er wollte — er mußte! ~ und siehe da: er schuf damit den Beginn zu einem großen melodischen Weltgefühl. Schon daß Gegensätze wie Dur und Moll, Konsonanz und Dissonanz, Diatonik und Chromatik nicht mehr die entscheidende Rolle spielen, beweist den Exodus aus den Bezirken des Harmonischen. Schönbergs Musik steht jenseits von Gut und Böse; sie bewegt sich nicht mehr innerhalb relativer Gegensätze, sondern nur noch in einer absoluten Einheit: das ist hier die Melodik. Bei Schönberg ist der musikalische Raum überwunden; die Musik ist zurückgekehrt in ihre kosmischen Provinzen. Hier haben wir den einzigsten und ungeheuersten Fall für das Unplastische und darum Musikalische des jüdischen Geistes. Noch mit allen Mitteln musikalischer Plastik ausgerüstet, bricht die tiefergeschichtete irrationale Musikalität hervor und spottet jeder Bannung in die relativen Gesetze. Man wird nicht bei Schönberg stehen bleiben. Aber man wird nie um Schönberg herumkommen. Das ist ja das Zeichen des genialen Menschen, daß er Möglichkeiten bietet, keine Wirklichkeiten. Die Fülle der Möglichkeiten sind bei diesem Musiker überhaupt noch nicht abzusehen. Will man die vielen Anknüpfungen noch nicht als Symptome gelten lassen (aus Vorurteil und Verurteil der. chaotischen Zeit!), so liegt doch schon ein anderes klar: daß keine einzige Musiker-Natur der Gegenwart so reich an Anregungen ist, wie Schönberg. Der Schöpfer steckt aber wohl immer nur dort, wo sich plötzlich ein Quell öffnet, aus dem Flüsse- und Ströme gebildet werden können. Es ist hier mit Absicht der frühere Schönberg umgangen .worden, weil dort alles schon keimhaft vorhanden ist, was später zur vollen Reife kam. Es mag sein, daß man einmal den früheren Schönberg wieder höher schätzen wird, daß er ihn selbst wieder einmal höher schätzen wird — aber das entscheidet hier nicht. Ein Schönberg der „Verklärten Nacht« mag noch so sehr ansprechender sein als ein Schönberg der aphoristischen Klavierstücke (trotz der Umkehr eines Non-Akkords!): — der Schönberg der Klavierstücke kann uns unbedingt mehr geben. Im letzten Grunde entscheidet eben nicht so sehr die F o'r m als die Fülle, Wir sehen also, daß sich in Mahler und Schönberg ein Prozeß der musikalischen Wende vollzog, einer Wende, die schon lange innerhalb der jüdischen Musik ihre Vorbereitung gefunden hatte und hier nur zum leidenschaftlichsten Austrag kam. Will man aber daraus den Schluß ziehen, das Judentum habe dadurch nichts getan, als die musikalische Entartung herbeigeführt, so sei gesagt, daß die Musik schon lange steril geworden war