Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Das Judentum in der abendländischen Musik
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 505 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Judentum in der abendländischen Musik 505 nehmen. Dies gilt in erster Linie für das westliche Judentum; es gilt aber nicht nur für das Judentum, sondern für die ganze westliche Kultur. IX. Eine Betrachtung der Juden in der abendländischen Musik schließt notwendig auch eine solche der Juden in der reproduktiven Musik ein. Daß der Jude reproduktiver Musiker sei, braucht nicht erst bewiesen zu werden. Es ist so allgemein bekannt, daß man ihn in der antisemitischen Welt überhaupt nur als solchen gelten lassen möchte. Wir kennen ihn als Pianisten, als Sänger, als Kapellmeister usw. Es liegt hier nicht im Sinne des Aufsatzes, Namen aufzuzählen. Wichtiger ist die psychologische Vertiefung des reproduktiven Phänomens. Daß der Jude vornehmlich in den reproduktiven Künsten zuhause ist, ist nicht von der Hand zu weisen. Wir kennen ihn nicht nur in der reproduktiven Musik, sondern auch in anderen reproduktiven Künsten, wie in der Schauspielkunst, in der Buchkunst, im deskriptiven Essajr, überhaupt in der sogenannten „schöpferischen Kritik", die ausgesprochen reproduktiv ist. Aus all dem zu schließen, könnte man allerdings versucht sein, den, Juden durchaus zum unschöpferischen Menschen zu degradieren, läge 'das Phänomen des Schöpferischen wirklich nur bei der Produktion. Eine solche Annahme ist aber -psychologisch gar nicht mehr haltbar. Das Schöpferische liegt auf alle Fälle jenseits der plastischen Form. Da Produktion immer Form bedeutete, plastische Form, und der Jude der unplastische Mensch par excellence ist, so war es begreiflich, daß man ihn im Hinblick auf seine fast ausgesprochen reproduktive Anlage hin als unschöpferisch bezeichnet. Es liegt auf der Hand, daß auch die Reproduktivität im letzten, Sinne mit dem merkwürdig unplastischen Vermögen des Juden im Zusammenhang steht. Zur „Produktion" gehört' unbedingt das rein plastische Vermögen und damit die ausgesprochene Männlichkeit. Produktive Epochen sind männlich, reproduktive Epochen feminin. Darum ist unsere stark nach dem Reproduktiven neigende Zeit zum „Untergang" verdammt, worden. Dazu Üegt aber kein Anlaß vor. Ist unsere Zeit reproduktiv, so ist sie es aus einer religiösen Besinnung heraus. Und es ist eine blasphemische Mißachtung des religiösen Phänomens, wenn man die Produktion einfach rein um der Produktion willen höher stellt als die tiefergeschichtete seelische Reaktion, die immer irgendwie mit der Reproduktion verwandt ist und zugleich aber mit dem schöpferischen Urphänomen selbst. Ist der Jude also ganz besonders auch in der reproduktiven Musik hervorgetreten, so ist das kein Beweis seiner organischen Unschöpferischkeit, sondern im Gegenteil mit ein Zeichen, wie primär die Musikalität in seiner Rassensubstanz wurzelt. Musikalität ist aber nicht Unschöpferischkeit, sondern höchste Potenz des Schöpferischen, weil das Schöpferische eben jenseits aller P^s tischen Formen rauscht als — Musik. Heft 8 33