Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Das Judentum in der abendländischen Musik
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 502 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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502 Heinrich Berl: VII. Ganz im anderen Sinne (und darum doch nur scheinbar im anderen Sinne) drückt sich dieses Ringen um eine neue Melodik bei. Arnold Schönberg aus. Schönberg ist nur die letzte Konsequenz zu Mahlers Schaffen. Mahler, noch innerhalb des Stoffkreises seiner Umgebung verbleibend, greift die vorhandenen Formen auf und durchpulst sie, üb er pulst sie. Schönberg vollendet den Weg in anderer Art. Er sucht die Harmonie in sich selbst ad absurdum zu führen. Theoretisch dadurch, daß er ihr den normativen Wert nimmt und ihr nur den deskriptiven läßt; das heißt, daß sie nicht bestimmend für den Schaffensprozeß sei, sondern nur von Wert für die Prüfung des Geschaffenen. Praktisch entgöttert er die Prävalenz des Harmonischen dadurch, daß er vorzugsweise in aharmonischen Akkorden komponiert, also garnicht linear und darum scheinbar auch nicht melodisch (denn Melodie ist linear, vertikal!) Durch beides: die theoretische Begründung und die aharmonische „Harmonik^ macht Schönberg absolut den Eindruck einer spekulativen Natur. Denn eine ausgesuchte, durchgehende Atonalität in Quarten, Quinten, Septimen und Nonen erweckt zunächst durchaus das Gefühl, daß hier der Verstand jede Note gesetzt habe. Sonst müßte er linear komponieren, nicht horizontal, wie dies unweigerlich jede Komposition in Akkorden ist. So sagt man sich. Aber auch hier täuscht man sich, wenn man glaubt, rein aus diesen äußeren Modifikationen ein wesentliches Urteil fällen zu können. Zunächst: aharmonische Akkorde sind eben nicht mehr harmonisch und darum auch keine Akkorde im eigentlichen Sinne (mit Recht weist Schönberg darauf hin, daß man in einer Harmonielehre nicht von „harmohiefremden" Tönen und in ihrer Verbindung von „harmoniefremden" Akkorden sprechen könne), wodurch allerdings schon angedeutet ist, daß es sich gar nicht um eine Harmonie handelt! Dadurch, daß Schönberg in aharmonischen Akkorden komponiert, negiert er an ihnen das Harmonische und ist dadurch — gewollt oder ungewollt — Melodiker. Zwar scheint das Melos in den Akkorden geronnen, doch überwindet sich diese Akkordation an ihrer eigenen Negation. Sie wird in den Klang übersetzt zur reinsten Melodik, weil sie nicht mehr das Greifbare, Plastische des Akkordes hat, nicht mehr Raum ist, sondern absoluteste Zeit. Daß also Schönberg in Akkorden komponiert, ist viel weniger wichtig, als daß seine Akkorde nicht den Bezirken der Harmonie angehören, sondern denen der Melodik. Die Harmonie wird also unter seinen Händen negiert; sie dient nur noch zum Durchgang. Und damit ist er der repräsentativste Typus im Streit: Melodie contra Harmonie. Mit ihm hat die Harmonie das Ende ihrer Vorherrschaft erreicht: sie muß sich jetzt das Uebergewicht von der anderen Seite gefallen lassen. Auch hier ein ungewollter Prozeß und darum ein Beweis dafür, wie