Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Das Judentum in der abendländischen Musik
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 501 (sequence 7)
- Language
- German
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Das Judentum in der abendländischen Musik 50J Lied, einen Hymenaios. Daß er rein äußerlich die Satzform verwendete, deutet nur auf das Absichtslose seiner Form-Sprengungen, Bei Mahler vollzieht sich das Ringen noch unbewußt und innerhalb des Werkes selbst Schönberg-hingegen dringt es ins Bewußtsein, doch — merkwürdig genug ~~ ohne darum zum rein bewußten Schaffen zu werden. Mahler ist keine didaktische Natur, wie Schönberg, es sei denn, daß man sein berühmtes „literarisches Programm" als bewußte Unterlage zu seinem Schaffen bezeichnen möchte — wozu kein Recht vorliegt. Mahler ist eher jener Typus, der sich trotz seiner höchsten Differenzierung der Erkenntnis eine kindliche Einfalt bewahrt hat, die allein zum höchsten Schöpfermenschentum berechtigt^ Man mag einwenden, daß höchste Bewußtheit und kindliche Einfalt nicht miteinander vereinbar seien, und Mahler darum einen bewußten Primitivismus, einen bewußten Infantilismus vorwerfen. Aber hier verkenntjnan ~ genau wie seinerzeit bei der Romantik — die notwendige und darum nicht minder organische Reaktion des Gefühls gegen den auf die Spitze getriebenen Intellektualismus, In Mahler ist das Kind aufgestanden gegen den Mann, gegen die Bewußtheit, und hat mit ihm gerungen. Darum die Trivialität und Sentimentalität seiner Melodien. Seine Volkslieder sind — einzeln und innerhalb der Sinfonien — entweder von Kindern gesungen oder sie können von Kindern gesungen werden. Warum sprechen sie aber alle für sein Ju-dentum? . Hat er nicht alle die Marschrythmen, Gassenhauer und Ländler aus seiner österreichischen Heimat empfangen? Warum spricht Spinozas Philosophie für sein Judentum? Hat er nicht alles, den Substanzbegriff und den mos geometricus, von Cartesius empfangen, die Sprache aus dem Latein der scholastischen Philosophie? Wir sehen rein an dieser Zwischenfrage die Unhaltbarkeit einer Anschauung, die an den bloßen äußeren Formen ein Wesentliches erkennen möchte. Für Mahlers Judentum Sprichtalles: sein Klingen mit der Instrumental- Masse und mit der Harmonie, sein Lyrismus und seine Infantilität, seine »Trivialität« und „Sentimentalität" — und darum seine Marschrythmen und Gassenhauer, Mahler hätte überall „triviale" Musik gemacht. Daß ihn der Zufall in Oesterreich geboren sein ließ, konnte nur bestimmend für seine Formen sein, unmöglich für seine Substanz. Denken wir aber gar an das „Lied von der Erde", dieses echteste Manifest seines latenten Judentums — wenn man nichtden Klagelieder-Ton in den „Kindertotenliedern" für noch echter und unmittelbarer halten will! — so wird es uns vollkommen offenbar, welchen höchsten Triumph hier seine jüdische Geistigkeit gefeiert hat: in diesen beiden unmittelbar beieinander Agenden Werken, dem „Lied von der Erde" und den „Kindertotenliedern", hat sein Judentum, seine asiatische Angehörigkeit restlos gesiegt, und damit die Seele über die Materie. Nach dem Monumentalwerk der achten Sinfonie sind diese beiden Werke geradezu paradigmatisch.