Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Das Judentum in der abendländischen Musik
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 499 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Judentum in der abendländischen Musik 499 v. Was aber ist das Wesentliche an der jüdischen Musik'? Ich deutete es schon an. Die Kontroverse: Harmonie-Melodie, am tiefsten und leidenschaftlichsten zum Austrag gebracht von den beiden Juden M a h 1 e r und Schönberg, ist der Prüfstein unserer gesamten Betrachtung Es wird aus ihr erhellen, warum Wagner eine Schrift verfassen mußte: „Das Judentum in der Musik". Die jüdische Musik strebt, von Meyerbeer angefangen bis zur Gegenwart, nach dem Melodischen. Das Harmonische ist ihr immer nur sekundäres Mittel geblieben. Wir müssen lächeln, wenn wir in Heines Musikberichten lesen, daß sich die Pariser über das übermäßig Harmonische bei Meyerbeer aufgeregt haben. Meyerbeer benützt das Harmonische (das ihm die umgebende Kultur als Formen-Bestand darbot), um zu der reineren Melodie zu gelangen. Nicht als ob ihm das bewußt gewesen wäre, wie bei Schönberg, der nur darum kein Harmoniker ist, weil er in aharmonischen Akkorden komponiert.- Meyerbeers Intentionen mußten notwendig dahin gehen, den melodischen Strom in harmonische Gesetze und Formen zu bannen. Aber der eminent zeitlich-melodische Sinn, den er von seiner Abstammung empfangen hat, bewahrte ihn vor einer Sterilisation in den Formen, er überbot die Formen an Gehalt, und darum ging er über das bloß Harmonische-hinaus und schuf — Musik. Es ist hier nicht der Ort, dies im einzelnen nachzuweisen, weder be- Meyerbeer, noch bei den folgenden Komponisten. Man mag dies in jedem besonderen Fall untersuchen. Zur Gewißheit wird es durch die Erkenntnis, daß dem Juden der Raumsinn mangelt, Harmonie aber die ausgeprägteste Verräumlichung ist der zeitlichen Melodie. Die Gesetze der Harmonie konnten nur gefunden werden auf dem Wege der objektiven Analysis. Da jedoch der Jude, wie wir gesehen haben, subjektiv-synthetisch ist, liegt ihm begreiflicherweise eine Musik näher, die aus der Augenblicks-Ekstase, aus dem unmittelbaren Gefühl geboren ist: das ist die M el o die. Der Jude ist kein Epiker, er ist Lyriker. Die Bibel, seine größte epische Leistung, ist lyrisch. Darum ist sein Weltgefühl ein ausgeprägter Lyrismus. Lyrismus aber — das ist Melodik. In der Epik haben wir den selben objektiven Geist, wie in der Harmonik oder Plastik. Der Ausdruck: Lyrismus für das jüdische Weltgefühl erklärt uns schließlich nicht nur eine spezifische Richtung in der Musik, sondern eine spezifische Richtung der jüdischen Psyche überhaupt: die zur absoluten Zeitlichkeit. VI. Die beiden Musiker, die den Kampf der Melodie gegen die Harmonie in sich symbolhaft ausgetragen haben, Mahler und Schönberg, sind die beiden Schöpfer des neuen musikalischen Stils geworden. Mit ihnen wollen wir uns gerade in diesen Gedankengängen etwas eingehender beschäftigen. Es ist schon heute keine Frage mehr, daß wir in jedem von diesen