Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Das Judentum in der abendländischen Musik
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 498 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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498 Heinrich Berl: Das Jüdische in ihm (und Wagner hat es sehr wohl gewittert!) war stärker als die Attitüde seines Gegners. Man wird sich in den nächsten Jahrzehnten eingehender mit dem „Fall Meyerbeer" beschäftigen müssen. Daß die Emanzipation dazu gehörte, um die Kräfte der jüdischen Musikalität zu entfesseln, ist begreiflich. Hier sah sich das weltfremde Ghetto-Judentüm plötzlich einem ungeheuren F.orm-Bestand gegenüber, Gefäßen, in die es seine ureigenste Virtualität, eben das Musikalische verströmen lassen konnte. Gerade diese seine Essenz war durch das Ghetto eingedämmt worden. Nun stürzte sie mit Brachialgewalt hervor, über defi Bestand der abendländischen Formen und durchblutete sie. Durch das merkwürdige plastische Unvermögen hatte es seine Formen nicht selbst bilden können. Aber durch ein ebenso merkwürdiges musikalisches Uebervermögen durchbrauste es die an sich toten Formen und schuf eine lebendige Musik. Meyerbeer rang tief und ernst um seine Musik. Und auch die jüdischen Musiker, die folgen, rangen zum großen Teil ernst, wiewohl man es gern, rein an Offenbach gemessen, bestreiten möchte. Vor allen Dingen Mendelssohn. Mit eigenartigem Respekt hat man auch in antisemitischen Kreisen Mendelssohn seine Referenz erwiesen. Selbst Wagner konnte nicht umhin, ihn von seiner vernichtenden Kritik auszunehmen. Nur das Triviale und Sentimentale — die beiden prinzipiellsten Einwände gegen die jüdische Musik — war auch bei ihm, und darum konnte er nicht die Größe des Genies haben! Daß man aber mit dieser Art Trivialität und Sentimentalität etwas traf, nämlich das Herz, das wollte man nicht einsehen, hat man bis heute noch nicht eingesehen, wie die gleichen Vorwürfe gegen Mahl er beweisen. Mendelsohn ist der Eckstein der Romantik, der Echteste und Reichste in der Genre-Sinfonie wie im Volks- und Kinderlied. In ihm flackert schon jenes Ethos, das in Mahler, Schönberg und in einem noch fast unbekannten, in Adolf Schreiber (der, am Werk verzweifelnd, sich ermordete!), geradezu dämonisch hervorgebrochen ist. Dazwischen liegt eine bis jetzt kaum gesichtete Fülle. Was schon heute als jüdisches Kulturgut unzweifelhaft feststeht, gibt den Beweis, daß keine Nation prozentual auch nur annähernd so viele Musiker hervorgebracht hat, wie die des Diaspora-Judentums. Rubinstein ist für Rußland der selbe „Fall" wie Meyerbeer für Frankreich. Die russische Oper läßt sich ohne ihn in ihrer Entwicklung von Glinka her nicht denken, und in Deutschland hatte Rubinstein bis zu Brahm's Deutschem Requiem nicht nur seine Heimat als Klaviervirtuose, sondern vor allen Dingen als Komponist. Eine in seiner Art klassische Erscheinung war Offenbach in Paris. Nicht nur als Meister des Kankan, auch in jener eigenartigen Fähigkeit zur musikalischen Persiflage, die Nietzsche einen Augenblick geneigt machte, ihn gegen Wagner auszuspielen- In den französischen Halbjuden B i z e t kulminiert die gesamte Wende, die Wagner scheinbar fortsetzt und zugleich überwindet. „Carmen" ist der erste künstlerische Protest der jungfranzösischen Schule und der nachhaltigste.