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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 497

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
Das Judentum in der abendländischen Musik
Date
1921-01-01
Page
497 (sequence 3)
Language
German
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Das Judentum in der abendländischen Musik 497 Wagners Paradox „Musik mit dem Auge des Ohres sehen" gibt uns den Schlüssel zu dem Geheimnis. Musik ist der höchsten Plastik, der höchsten Architektur und damit der höchsten Verräumlichung fähig. Ganz abgesehen von ihren malerischen Qualitäten, die nicht mehr besonders hervorgehoben zu werden brauchen. Also ist sie genau so seh- und greifbar, wie jede andere Kunst. Es ist ja auch selbstverständlich. In dem Augenblick, in dem die Dorer begannen, Musik in Gesetze zu spannen, also rational zu fundieren, war auch schon ihre Räumlichkeit begründet. Gewiß war sie immanent auch in der ungesetzlichen Musik, aber dort war sie notwendig ihrem Wesenselement — dem rein Melodischen — näher als jetzt, da sie in harmonische Gesetze gespannt war. Von hier ab ging die Entwicklung konsequent auf das Harmonische zu, auf seine Pienipotenz, insbesondere bei der deutschen Musik, und . nur die primäre musikalische Begabung eines Bach oder Mozart ließ hinter der harmonischen Form . ein brausendes Melos vernehmen, das jeder harmonischen Gesetzlichkeit spottete. Dies läßt uns die moderne Kontroverse: Harmonie-Melodie in ihrer Tragweite erkennen. Mit dem Kampf gegen den Rationalismus mußte naturgemäß auch in der Musik gegen eine Theorie Sturm gelaufen werden, die aus der Ratio, aus dem Maß geschaffen worden war. Die Melodie als dynamisches Element ist der Urfeind aller gezetzlichen Harmonie, die rein statisch ist. So scheint die Musik schon wieder auf dem Wege zu sein zu ihrer absoluten Zeitlichkeit. Das heißt aber auch hier nichts anderes als: sie entfernt sich von ihrer männlichen Formstrenge und wird weiblicher, infantiler. Ist es da ein Wunder, daß besonders in dem Judentum eine ungemeine Fülle musikalischer Produktionen am Emporschießen ist, die alle Harmonie nur noch zum negativen Durchgang zur tiefergeschichteten Melodik nimmt? IV. Bevor wir aber die Gegenwart charakterisieren, wollen wir den Anteil der Juden an der abendländischen Musikentwicklung überhaupt beleuchten. Sehen wir dabei von den synagogalen Gesängen und der begleitenden Musik ab, so fällt uns eines auf: bis zu der sogenannten Emanzipation ist nicht ein einziger jüdischer Komponist da, und gleich in ihre Jahre fällt die Geburt des ersten großen Musikers, der sofort nach der allgemeinen Entwicklung die Hegemonie in der Oper an sich reißt, bis sie ihm Wagner nach heftigen Fehden und Begeiferungen streitig macht: Meyer beer. Daß Meyerbeer ein Fall war so gut wie Wagner, lehrt uns die Gegenwart, die wieder vielfach auf ihn zurückgeht. Ein großer Teil, der von Wagner abbiegt, biegt bei Meyerbeer wieder ein. Es kann nicht wundernehmen. Finden wir doch von all dem reichlichen Gebrauch, was uns heute wieder fesselt: die Melodik, Verwendung vieler „unnatürlicher" Akkorde (über die man sich insbesondere bei dem „Propheten« aufgeregt hat!). Man denke: Nonen! Sprünge von Ges-dur auf E-dur! Uebermäßige Chromatik! Aber Meyerbeer steht fest.

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