Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Im Wirbel der Geschichte
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 494 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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494 David K o i g*e n : Im Wirbel der Geschichte Geizhals P. wollte jedoch in der letzten Zeit, vor dem Poleneindrang, den S—w nicht mit Wasser versorgen. Und nun erreichte ihn die Rache. Dieser Racheakt wirkte auf uns alle niederschmetternd. Lange Zeit hindurch fühlte auch ich die Mitschuld an der ruchlosen Tat. Ich war doch zugegen und war ohnmächtig, ein Menschenleben zu retten. Noch andere Verbrechen, gräßlich für das Ohr, sind an Bewohnern unseres Hauses und unseres Bekanntenkreises begangen worden, aber keines ist am hellen Tag, in unser aller Gegenwart, in so ästhetisch klaren Formen, vor sich gegangen. Der Umstand, daß in diesem Falle gerade ein Nichtjude, wenn auch von der Hand eines Großrussen, als Opfer fiel, belastete stark mein Gewissen. ^Ich begann die innere Ruhe zu verlieren, die ich mir während dieser bewegungsvollen Jahre mühsam erobert hatte. Tag und Nacht beschäftigte ich mich nun damit, wie man der Teufelsbrücke zu entrinnen vermöchte. Die Ruhe kehrte gewissermaßen zu mir zurück, als nach zwei Wochen die Wohnung des ermordeten P. von seinem leiblichen Bruder bezogen wurde. Der andere Graf P. erbte das Hab und Gut des Bruders, ohne besonders betrübt zu sein. Das Gegenteil war eher der Fall. So sind wir Menschen nun geartet: Die Niederträchtigkeit der anderen macht rnicht selten unser Gewissen frei. Das Leben ging weiter. Ich machte Holz zurecht und trug Wasser, verbrachte die Nächte in Dunkelheit und Kälte, verstärkte meine akademische Tätigkeit und suchte in die majestätisch ruhigen, wolkenlosen Seelen der orthodoxen Judenheit einzudringen. Als es draußen regnete und Wind und Sturm tobten, dachte ich oft an die „Waadtt und „Kahal", an jene staatsähnlichen Institutionen, mittelst deren die Väter es in der Ukraine auszuhalten vermochten; die Gedanken spielten mit den Bildern aus der Zeit der Haidamaken und Chmelnitzkis, und die Phantasie folgte mit Staunen dem "Frankismus und Chassidismus, wie sie in diesen Orten zur Blüte gelangten. Es fehlte nur noch die ukrainische Bauerntracht, die breiten, weißen aus Leinwand zusammengeflickten Hosen und der weiße Schafspelz, in die die chassidischen Vorfahren gekleidet waren, um ganz das seelenvolle Leben jener inkognito fortzusetzen. Ich wußte mich eins mit jenen Seligen, die an der Innenwelt genug hatten. Und es wurde mir warm zumute und hell rings um mich, so daß ich noch Kräfte fand, um den Mitmenschen, die auf meinen Wegen mir begegneten, etwas Wärme abzugeben. Das gefahrvolle, arme Dasein tauchte in religiöser Poesie unter, und manchem unter uns wurde leicht. Trotz alledem ging die Zeugung der Welt im stillen weiter vor sich. Aber als die Sonne schien und ich sah, wie das Gras wuchs und die Bäume Blüte trugen, schreckte ich auf aus meinen Träumen, ich verscheuchte die Poesie der Kahäle und Haidamaken und mich verlangte es stürmisch von ydannen. Zum Glück verließ mich jedoch nie der Gedanke, daß das „Ewen- Schetia", der dreieckige Stein, der im Abgrund hinter dem Heiligtum des Ewigen eingemauert ist, auch in den Abgründen, die vom leibhaftigen Teufel