Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Im Wirbel der Geschichte
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 493 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Großgrundbesitz!) begannen unfehlbar zu funktionieren, wenn auch das Gerücht über den General Wrangel und seine angeblich freiheitlich gerichtete Politik den neu erwachten Patriotismus zu dämpfen begann. Nach Kiew drang nämlich die Nachricht, die sich dann als falsch herausstellte, daß Wrangel von den Deutschen Hilfe zugesagt worden sei. Zu jener Zeit hatte man schon den Glauben an den guten Willen der Entente verloren und man wendete sich in der Gesinnung Deutschland zu. Jetzt, da ich diese Zeilen zu Papier.bringe, wissen wir noch etwas mehr. Der Präsident der französischen Republik Millerand hat es neulich in seiner afrikanischen Rede öffentlich verraten: Frankreich habe im Jahre 1920 die Regierung des General Wrangel anerkannt, nur um dadurch „Polen zu retten". Pplen war in Wirklichkeit gerettet, aber wir in der Ukraine verfielen abermals unter das bolschewistische Joch. Die Polen sprengten die große Brücke über dem Dnjepr, ließen die am Bahnhof aufgespeicherten Güter in Flammen aufgehen und zogen ab. Große Teile der Bevölkerung beteiligten sich am Raub der zurückgebliebenen Güter und merkten kaum, wie allmähT lieh kleine Haufen bolschewistischer Soldaten von allen Seiten in die Stadt eindrangen. Der Plebs glaubte noch nicht an den endgültigen Abzug der Polen und verhielt sich verhältnismäßig ruhig. Mit einigen Herren stand ich gegen Mittag vor dem Tor des Hauses und sah der friedlichen Anarchie zu. Plötzlich, wie aus dem Boden gestampft, traten vier bolschewistische Soldaten hervor. Einer trat dreist an uns heran: „Erkennen Sie mich nicht mehr? Ich bin der Komriiandeur S—w, der' früher in eurem Hause, auf Quartier war." Er war noch nicht zu Ende, als aus unserem Hause der polnische Graf P. trat, ein Sonderling, der jetzt sein Leben dadurch unterhielt, daß er auf den Märkten mit abgetragenen Kleidern Handel trieb. „Ah, ah!" — wandte sich der bolschewistische Kommandeur S—w an P.: „Guten Tag. Graf P—i, jetzt ist Ihr Ende gekommen. Bitte folgen Sie mir!" Der in sich zusammengesunkene Straßenhändler P. verwandelte sich im Nu in den tapferen und würdevollen Grafen P.: „Ich stehe zur Verfügung, Genosse S—w!" Er zuckte nicht einmal mit den Wimpern, nur. schritt er etwas langsam, mit verlegenem Lächeln auf den Lippen. Die ihn abführenden Soldaten sahen dagegen sehr blaß aus, und in ihren Händen zitterten die Flinten, die sie krampfhaft hielten. Ich wandte mich an S—w mit der Bitte, doch den harmlosen P. freizulassen, und fühlte dabei, daß alles vergebens sei, es sei nun keine Macht in der Welt, die das grausame Schicksal abzuwenden vermochte. „Genosse S—w" sah mich etwas schief an und sein Blick sagte mir: Was, hast auch du am Leben genug! In ein paar Stunden sah man auf einer benachbarten Straße den Grafen P. mit zerschmettertem Schädel üegen. Der feine, alte Kopf, an dem so viele Generationen emsig gemeisselt hatten, hatte keine Worte gefunden, um seine Mörder zubeschwören. Nachträglich erfuhr ich, daß S-w sehr gut mitP.,bei dem er einquartiert wurde, ausgekommen war. S—w brachte sogar jenem Geschenke. Der Sonderling und