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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 492

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1921-01-01
Page
492 (sequence 18)
Language
German
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492 David Kol gen: Polen verstärkten diesen Eindruck, indem ihre Kavallerie viele Male ein und dieselbe Straße passierte. Ich dachte dabei: „Dies da ist den Deutschen, jenes den Franzosen entlehnt usw. — und dies ist eigenes Gut der Polen. Allein die Fähigkeit, sich etwas Fremdes anzueignen, und die leichte Art, wie es geschieht, zählt sicherlich zu den Talenten". Die russische Bevölkerung sieht diesem Schauspiel feindlich zu, die Ukrainer stehen ihm mit gemischten Gefühlen gegenüber, die Juden, die hier auf jede Neuerung stürmisch reagieren, sind mehr hingerissen von der Tracht, Pose und Gebärde der polnischen Herrschaften. Ich bin in Staunen versetzt: im ganzen Auftreten ist kein Schimmer von republikanischem Geist zu spüren. Wie sieht es nun weiter iirf Westen aus? Mich will es dünken, daß im gesamten Bereiche des europäischen Kontinents das Wort „republikanisch" unrechtmäßig im Munde geführt wird. Wir sind keine Monarchisten mehr, und die Republik sitzt auch sehr schwach im Sattel. Ein entlehntes Fremdwort, dessen Sinn verloren gegangen scheint. Die Monarchien von oben scheinen durch solche Republiken von oben ersetzt geworden zu sein. Der Plebs in der Stadt zog Parallelen zwischen dem polnischen Heer und den bolschewistischen Sansculotten. Die ukrainischen Nationalisten . frugen sehnsuchtsvoll in großen Plakaten: „Wo bleibt er?", und alle Welt verstand, daß diese Frage sich auf ihren Helden Petjlura bezog. Die Polen ergingen sich in imperialistischen Träumen. Sie sprachen vom Don und der Krim, und den Juden versuchten ihre diplomatischen Vertreter plausibel zu machen, sie trachteten, in ihrem Polenreich die Mehrzahl der Judenheit zu vereinigen. Sie fanden nirgends politischen Widerhall, und die Bauernschaft verhielt sich ihnen gegenüber geradezu feindlich. In den russischnationalistischen Kreisen begann man zu murmeln: Schon lieber die „eigenen" Bolschewisten als die polnischen Eroberer. Selbst die „jüdischen Kommunisten" wurden in diesem Fall von ihnen mit in den Kauf genommen. Die Polen traten im großen und ganzen korrekt auf, wenn sie es auch nicht zu verhindern vermochten, daß ihre militärische „Jugend" förmliche Jagd auf die langen Vollbarte der russischen Geistlichen und der orthodoxen Juden veranstaltete. Mancher stolze Jude äußerte: „Lieber ein Pogrom seitens der Barbaren, als diese Schande von den »Zivilisierten* verübt". Ich suchte mir diese perverse Leidenschaft der Polen durch die Anwesenheit bartloser amerikanischer Polen im polnischen Heer einigermaßen zu erklären^ Unter dem Datum des 13. bis 14, Juni 1920 schrieb ich: „Ich kam nicht zu Ende mit meinen Gedanken. Inzwischen ein neuer Staatsstreich; die glänzenden Polen sahen sich genötigt, den bolschewistischen Sansculotten den Platz zu räumen. Die Bolschewiki wurden auf einmal national gepriesen und der Nimbus der Freiwilligen, die es wagten, ihren Feldzug gegen Rußland mit den Polen zu koordinieren, nahm stark ab." Der allgemeine nationalrussische Instinkt und der soziale Instinkt der -ukrainischen Bauernschaft (die alte Gegnerschaft gegen den polnischen

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