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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 491

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1921-01-01
Page
491 (sequence 17)
Language
German
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Im Wirbel der Geschichte 491 sich als Pole herausstellte, die geladene Pistole vor mein Gesicht haltend, mich anschrie: „Bust du ein Hebräer, sprich, und hast du geschossen?* Das Komitee des Hauses, diesmal mit einem Ukrainer an der Spitze, sah schweigend und zitternd der Szene zu. Die zwei anderen russischen Offiziere beruhigten den Polen, indem sie ihn aufforderten, den „Karaimen" und Hochschullehrer in Ruhe zu lassen. Wie ich in einen Karäer verwandelt wurde, ist mir bis auf den heutigen Tag ein Rätsel. Die Offiziere der Freiwilligenarmee blieben dann eine Weile allein bei mir und wollten nun wissen, wo im Hause „reiche Juden" wohnen. Wir verfügten Gott sei Dank, über keine Muße, um uns lange mit unseren Erlebnissen zu beschäftigen. Sechs Wochen danach war Kiew wieder bolschewistisch. Die Geschäfte und Restaurants wurden geschlossen, viele Häuser mit futuristischen Plakaten beklebt, und auf manchem Platze thronten, aus weißem Gips plump gemeißelt, die Heiligen der Internationale. Besonders wütend traten diesmal die jüdischen Kommunisten gegenüber den eigenen Glaubensgenossen auf. Mancher Jude mußte zu jener Zeit als „der Spekulation verdächtig" das Zeitliche segnen. Das gesamte hebräische Schrifttum wurde des „Klerikalismus" beschuldigt und gänzlich verboten. Haussuchungen in jüdischen Gesellschaften wurden vorgenommen und bei solcher Gelegenheit wurde auch eine von mir zur Uebersetzung ins Hebräische übergebene größere religionsphilosophische Abhandlung für immer beschlagnahmt. Es ist mir nicht gelungen, sie wieder zurückzubekommen. Das nimmer stillstehende Rad der ukrainischen Geschichte roLlte weiter. Sechs Wochen lang beherrschten die Polen mit Hilfe ukrainischer Beamten den größeren Teil des Landes. In meinem Tagebuch ist unter dem 7. Mai 1920 zu leSen: Gestern, gegen 6 Uhr nachmittags wurden 10 bis 12 Kanonenschüsse abgefeuert. War es die bolschewistische Macht, die auf solche Weise Abschied nahm, oder war es die neue Staatsgewalt, die ihr erstes Lebenszeichen gab? - Wir wissen es noch nicht. Noch im Laufe des heutigen Tages wird sich all das aufklären. Die Juden, selbst die zur Kulturblüte gehörenden Kreise haben diese Tage voll Angst und Unsicherheit verbracht. Nun wird die neue Gewalt ihre „Staatsprüfung" zu bestehen haben. Ich persönlich suche die Bekannten zu beruhigen und hoffe, daß alles glatt ablaufen wird. Seit gestern regnet es. Einige sagen: „Da vergießt die Natur Abschiedstränen", andere hingegen empfinden diesen Platzregen als Desinfektionsmittel. Wieder und wieder sage ich mir und den Menschen rings um mich: Seht ihr, ihr Kleingläubigen! Nicht nur die Natur, sondern in nicht geringem Maße die Geschichte vermag Achtung einzuflößen. Auch in <ten Schöpfungen der Menschen waltet ein Verhängnis. Die Mirage weicht, das Realitätsgefühl beginnt von uns Besitz zu ergreifen. — 10. Mai. Gestern und vorgestern zogen die Polen nach Kiew ein. Ein glänzendes Heer. Diese Macht der Polen wirkt jedoch nur auf den ersten Blick überzeugend. Nach einer Viertelstunde des Zusehens glaubte man sich in einer Operette. Die 32*

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