Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Im Wirbel der Geschichte
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 490 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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- Odesa 1× ep/1000834
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490 David Kol gen: losen Juden, wie sie nur bei jedem Angriff heulen und schreien können. Schlimm dabei ist nur, daß er, Schulgin, samt seiner heiligen Familie aus dem „Kijewljanin" infolgedessen sehr schlecht geschlafen haben. Der „Kijewljanin" und ^die Wohnung des damaligen Gouverneurs Dragomirow lagen dicht an der berühmt gewordenen Kusnetschnajastrasse. Das Schicksal wollte es, daß Herr Schulgin in der Folge selber von Todesreitern gejagt wurde. Der nach sechs Wochen vollzogene Einzug der roten Armee nach Kiew verjagte ihn nach dem Süden und weiterhin in die Fremde. Hier versuchte dieser staatsmännische Journalist sich Rechenschaft über seine große patriotische Tätigkeit abzulegen. Natürlich kein Wort mehr über die eigene Entdeckung von „Martern durch Furchteinjagen". Herr Schulgin scheint auch nicht mehr an die Judenschüsse aus den Fenstern in den Rücken der Freiwilligen zu glauben. Aber so ehrlich, um es offei? der Welt zu gestehen, ist er nicht. Grade und ehrlich heraussagen, was man gesehen und erlebt hat, zählt zur moralischen Begabung, und die werden Sie,vergebens bei Herren vom Schlage eines Schulgin suchen. Herr Schulgin erinnert sich nur, später, in Odessa, wo auch Straßenkämpfe zwischen den Schwarzweißen und roten Bolschewisten ausgefochten wurden, mit eigenen Augen wahrgenommen zu haben, wie ein von einem Freiwilligen abgegebener Schuß von der Wand zurückprallte, was den Schein erweckte, daß der Schuß aus offenem Fenster kommen konnte. Herr Schulgin fügt dieser von ihm gemachten technischen Entdeckung nur hinzu: Nun habe ich vieles verstanden, was ich früher einmal nicht begreifen konnte. . . . Das soll als Anspielung auf die Kiewer Ereignisse gelten. Aber kein Wort der Reue, kein ehrliches Eingeständnis. Herr Schulgin ist ein schlauer Kunde. Man kann ja nicht wissen, was für Rolle ihm die Zukunft bringen wird: Monarchen zu entthronen oder gar wieder Nationalistenführer und Antisemiten-Häuptling im heimatlichen „Kiewljanin" zu werden. Die dii minores der Progrommacherei sind von einfältigerem Gemüt. Der angebliche „Professor" und Renegat Tschaadaew-Kogan stand in der Folge einem Pogrom-Bureau in der nachbarlichen Wasilkowskajastrasse vor. Vieles deutete darauf hin, daß dieser aufgeblasene und nicht einmal an die Umgangsformen eines Kulturmenschen gewöhnte Provokateur zugleich im Solde der Denikinschen „Konter-Raswedka" (Spionage) stand. Als der Zuckerfabrikant L—n ausgeraubt wurde, wandte man sich auch an ihn. Er nahm gerne „Geschenke" an. Nach der „siegreichen" Bekämpfung der bolschewistischen Division war die Stadt eine Zeit lang solchen Individuen ausgeliefert. Auch das Haus 68 blieb nicht ganz verschont. Eines Tages drangen am hellen Tage drei Offiziere in die Wohnung einer benachbarten Familie, wo ich mein Arbeitszimmer hatte. Sie verlangten gebieterisch, man solle ihnen die Juden ausliefern, die „aus den Fenstern kochendes Wasser gössen und Schüsse abgaben". So gelangten sie auch in mein Zimmer, wo einer von ihnen, ein scheußliches Individuum mit zynischem Gesichtsausdruck, der