Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Im Wirbel der Geschichte
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 489 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Im Wirbel der Geschichte 489 Weise dem Schicksal der anderen Bewohner des Hauses 68 zu entgehen. Unser Junge schlief, meine Frau und ich standen am Fenster'und horchten dem Pogromgemetzel zu. Wir sprachen kein Wort mehr miteinander, wir warfen bloß einander einen raschen Blick zu und verstanden alles. Wir warteten. Jeder Gedanke an Widerstand und Rettung wich von uns. Auch die Angstgefühle verloren vollständig ihre Kraft. Mein gesamtes Bewußtsein klammerte sich nur an einen Gedanken: an den Gottesgedanken. Im tiefsten Innern wußte ich es in jener schicksalsschweren Stunde: Auch Gott vermag hier nicht einzugreifen, es wäre auch kleinlich, ihn um Hilfe anzuflehen. Gar kein Ausweg mehr. Mein. Gehirn arbeitete fieberhaft, alle Furcht wich hinweg, ein seelenvoller Schmerz bemächtigte sich meiner, und nun kehrte wieder der klare Blick zurück, es stellte sich mutige Ruhe ein, und ein Wissen wurde mir zuteil: Es gebe einen Gott und es zieme sich nicht, ihn um Hilfe anzuflehen. Was auch geschehen mag, Gott ist da und mit ihm ist immerdar etwas da, und die positive Existenz Gottes genügt. Mögen sie nur kommen, möge nun das Martern und die widerstandslose Vernichtung ihren Anfang nehmen, möge alsdann die ruchlose Tat von Erfolg gekrönt werden, all dem zum Trotz gebe es einen Gott und genug damit. Die Freude dieser Erkenntnis, das unmittelbare Wissen von diesem, wenn auch um mich und all mein Hab und Gut sich nicht kümmernden, an sich existierenden Gott, reichen aus, an ihnen habe ich genug. Ein Ausweg, der. gar nicht mehr von Menschenhand abhing und an Menschenschicksal gebunden war, war gefunden. Erst nachträglich, nach vielen, vielen Monaten, als ich oft an jene von Gotteserkenntnis gesegnete Stunde zurückdachte, wollte es mir scheinen, daß der Ausweg, der damals von mir gesucht und gefunden war, Ägar kein irdischer Ausweg ist, daß ich vielmehr mit einem Ruck schon jenseits unserer räumlich-zeitlichen Grenzen, vielleicht in einer Welt, wo unter Gottes Obhut alle Subjektivität verstummt, mich sah und wußte. Einem Bewohner einer solchen Welt vermochte natürlich kein Mensch, und möge er in leibhaftiger Teufelsgestalt erscheinen, etwas Böses anzutun. Das verzweiflungsvolle Schreien um Hilfe, das diesmal aus tausend und abertausend Menschenkehlen kam, das Klirren von Fensterscheiben, das starke Poltern und Schießen, das aufs neue afthob und mit neuer Stärke an unser Ohr drang, ließ uns nun unbewegt. Ich blieb ganz in meine neue Erkenntnis versunken. Damals regte sich auch kein Zweifel in mir, daß ich jemals dieser verlustig gehen kann. Inzwischen neigte sich die Oktobernacht ihrem Ende zu, der Tag brach an, die Todesreiter, von „freiwilligen" Offizieren geführt, zogen äb. ' Am anderen Tage, wie an allen darauffolgenden Tagen, waren im »Kijewljanin" Schulgins glänzende Ausführungen über das „Martern durch Furchteinjagen" („Pytka Strachom") zu lesen. In satanischer Art machte sich Herr Schulgin über den unästhetischen Kampf der seelisch und auch Physisch gemarterten Judenheit gegen die Pogrome lustig. Ach, diese scham- Heft 8 ' 3«