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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 488

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1921-01-01
Page
488 (sequence 14)
Language
German
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488 David Koigen: Darniza vor versammeltem Militär Versammlungen abgehalten, wo „Augenzeugen" folgendermaßen berichteten: Die Juden schießen aus den Fenstern, ihre Frauen gießen kochendes Wasser auf die Freiwilligen und dergl. mehr. In der Stadt selber machten die antisemitischen Agitatoren mehrere Stab- Quartiere auf, von denen aus die Pogrombewegung geleitet wurde. Wir saßen wieder hinter Schloß und Riegel und in Versammlungen der gesamten Einwohnerschaft unseres Hauses auf der Gr. Wladimirstraße 68 berieten wir über eventuelle Mittel der Abwehr reines Anschlages. Da ergriff ein vor kurzem hinzugezogener Herr, der sich Prof. Tschaadaew nannte, das Wort und beschwor uns alle, uns mit kochendem Wasser und geladenen Flinten zu versehen. Der angebliche Herr kam uns sehr verdächtig vor, umsomehr, da zwei polnisch sprechende Offiziere, die ihm stets besuchten, von ihm als seine Sekretäre ausgegeben wurden. Als der Herr Tschaadaew, der auch Kogan hieß und, wie es sich nachträglich herausstellte, ein getaufter Jude war und zu den Organisatoren von Judenmetzeleien gehörte, eines Abends seinen „strategischen" Plan entwickelte, wurde uns allen, auch unseren christlichen Mitbewohnern, sehr schwer zumute. Wir wußten es nun: der ärgste Feind weilt in unserer Mitte und keiner wagte es offen auszusprechen. In diesen fünf schrecklichen Tagen waren Tschaadaew-Kogan mit seinen militärischen Begleitern die einzigen, die oft das Haus verließen. Unser Verdacht erhielt dadurch nur eine direkte Bestätigung. Inzwischen kehrten die Freiwilligen wieder in die Stadt zurück, und die Ausraubung von jüdischen Häusern in großen Dimensionen ging diesmal ohne jegliche Störung weiter vor sich. Herr Schulgin eröffnete in den Spalten seiner Zeitung diesmal einen offenen Feldzug gegen die jüdische Bevölkerung. In tiefsinnigen Ausführungen wurde erörtert, wie aus Fenstern geschossen, kochendes Wasser gegossen werden konnte. Des Nachts begannen die Anschläge auf die Häuser mit dichter jüdischer Einwohnerschaft, Fensterscheiben wurden eingeschlagen, Frauen und Kinder geschlagen, Männer getötet und überall geraubt und geplündert. Um irgendwie aus ihren Martern sich zu retten — die Bevölkerung hatte damals den Glauben an die „legitime" Macht noch nicht völlig eingebüßt — hoben ganze Straßen an zu schreien und um Hilfe zu rufen. Wir löschten die Lichter und, ganz dem Schicksal ergeben, hörten wir dem Gemetzel und dem Fallen von Fensterscheiben zu. Nichts ist. mehr imstande aus dem Bewußtsein die Erinnerung an die Nacht auszutilgen, als die parallele Kusnetschnajastraße und die nahe liegende Blagoweschenskajagasse ausgeraubt wurden. Der Lärm und das Getöse drangen bis zu uns in das sechste Stockwerk und näherten sich fortwährend. Keiner wußte einen Weg der Rettung. Noch am selben Tage kam unter großer Lebensgefahr die uns befreundete russische Ärztin Podkanowa, um meine Familie bei sich zu verstecken. Meine Frau und ich schlugen diesen Freundesdienst glatt ab. Die Überredungskunst unserer edlen Retterin mußte fehlschlagen, denn wir hielten es für unangebracht, in den schweren Tagen der Not auf solche

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