Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Im Wirbel der Geschichte
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 487 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Im Wirbel der Geschichte. 487 ich auch die zu Tode gemarterten Opfer mit ansehen durfte. Es geschah, als die in aller Eile abziehenden Gewalten keine Zeit mehr fanden, ihre Opfer zu bestatten. Aber so glücklich scheint mein irdisches Geschick nicht geartet gewesen zu sein, um auch den Pogromen und den Racheakten völlig zu entgehen. Also ereignete es sich während der Herrschaft der freiwilligen Armee des Generals Denikin, dem die Rolle des russischen Garibaldi zugedacht worden war. Mit Ausnahme eines Häufleins patriotisch veranlagter Offiziere bestand die Mehrzahl der neuen Okkupanten aus zusammengelaufenen „echt russischen Leuten", gescheiterten Großgrundbesitzern, Tscherkessen und anderen Völkerschaften, die nicht einmal der russischen Sprache kundig waren. Alle suchten sie sich durch Raub und Mord schnell zu bereichern, um alsdann dem „Freiheitskampf" den Rücken zu kehren. Aus den vielen Episoden dieses Raub-Freiheits-Zuges greife ich eine heraus, die zweifelsohne einmal ein Glanzkapitel in der Chronik der ukrainischrussischen Judenverfolgungen abgeben wird. Es geschah im Herbst des Jahres 1919. Ein früherer Mitarbeiter des Petersburger Kadettenblattes „Rjetsch", ein gewisser Sokolow, Dozent der Rechtswissenschaft, stand an der Spitze der Propaganda-Abteilung in der Denikinschen Regierung. Wie mir gesagt wurde, leistete ihm Helfergdienste Prof. Pilenko, ein langjähriger Mitarbeiter der antisemitischen „Nowoje Wremja". In Kiew selber lenkte die öffentliche Meinung Herr Schulgin, der ehemalige Führer der Nationalisten in der Duma und Verfasser des Verzicht-Aktes Nikolaus II auf den Thron. Ein glänzender Publizist, schlau, gewissenlos, konservativ und Rebelle in ein und derselben Person. Von Schulgin darf man wohl sagen, daß er „erblich" belastet ist: er ist der Schwiegersohn des berühmten Redakteurs des antisemitischen „Kiewljanin" Pichno, und auch der Erbe dieses in der Zeit der Vorrevolution einflußreichen Blattes. In den wenigen Monaten der Denikinschen Herrschaft suchte er mit allen Mitteln der Lüge und Sophistik die Erinnerung an die rebellische Tat aus dem Gedächtnis der Monarchisten auszumerzen. Als die Pogrompropaganda in ruchlosen Taten ihre Früchte zeitigte, gelang es mir leider nur eine einzige Nummer der Zeitschrift „Unsere Stimme" („Nasch Golos") zur Abwehr herauszugeben. Im Leitartikel erinnerte ich denn auch Herrn Schulgin an seine große monarchische Tat, die in der Entthronung des letzten Romanow bestand. Dieser Herr, der zur Zeit in der Emigration wieder sich mausert, hat viel jüdisches Blut und Leid auf seinem Gewissen. Es geschah also im Herbst des Jahres 1919. Jeder Gefahr trotzend, schlug sich eine versprengte Division der roten Armee in der Richtung nach dem Norden durch Kiew durch. Fünf Tage dauerte der Kampf in der Umgegend und in den Straßen der Stadt. Die Freiwilligenarmee wähnte einen großen bolschewistischen Anschlag vor sich zu haben und zog über die Brücke nach Darniza ab. Dieser antibolschewistischen Armee schlössen sich viele Bürger, unter ihnen auch Israeliten und israelitische Sozialisten, Menschewiki genannt, an. Dessenungeachtet wurden bereits in