Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Im Wirbel der Geschichte
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 486 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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486 David Koigen: unseres Hauskomitees bekleidet zu haben. Während eines der vielen Machtwechsel kam es nachts zu einem Überfall seitens 5—6 Soldaten auf unser Haus. Die unten vor der nur mit Glas bedeckten Tür wachehaltenden Hausbewohner ließen mich rufen. In aller Ruhe und gemessenen Schrittes stieg ich von der sechsten Etage hinunter, und unterwegs wurde in mir plötzlich das starke Gefühl lebendig: mir könne jetzt nichts Böses passieren, denn ich sei ja mit höheren Machtbefugnissen unseres ganzen Hauses bekleidet, in meiner Person sei eine unbedingte Gewalt verwirklicht; was mir auch ein ruhiges Sicherheitsgefühl gewährte. Wie lächerlich es von außen gesehen auch scheinen mag, wenn ich jetzt mein in jener gefahrvollen Stunde geborenes Machtgefühl getreu abzubilden vermag, so verstehe ich doch nun vollkommen die unbedingte Autorität des politischen Machthabers» Von so einem Mut zeugenden Gefühl durchdrungen, begann ich durch die Fensterscheibe ein Zwiegespräch mit den Bewaffneten zu führen, die unter dem Vorwand, daß in unserem Hause sich „weisse" Generäle verborgen halten, Einlaß forderte*!. Ich drohte und schrie sie an. Die Banditen schauten verwundert meinem Gebaren eines Machthabers zu und zogen langsam ab. Wunderbare Dinge spielten siclr vor unser aller Augen ab. Und uns war es gegeben, Zeugen dieses Wunders zu sein und doch am Leben zu bleiben. Eine schwere Prüfung machen stets die Menschen durch, denen es beschert ist, mit das „Wunder" zu erleben. Keiner ist stark genug, um ein zweites Mal seinem Fluge beizuwohnen, geschweige denn in sich nach ihm eine Sehnsucht zu verspüren. Und käme es, was Gott behüte, ein zweites Mal, so würde es uns als teuflische Last anmuten, der wir nun erliegen würden. Wenn ich jetzt an die stürmischen Umwälzungstage innerhalb der gesamten Revolution zurückdenke, so vermag ich mir unsere innere Standhaftigkeit nur mit Hilfe des oben gezeichneten Irrealitätsgefühls zu erklären. Alle vier apokalyptischen Reiter sahen wir von Angesicht zu Angesicht, wir waren mitten in der Hölle drin und glaubten nicht an sie. Der Unglaube war unsere Rettung. Es kamen aber auch Zeiten der handgreiflichen Beweisführung. Und was die Pest, Krieg, Hunger und Tod uns nicht beizubringen vermochten, dies taten die Schreckensreiter in leiblicher Gestalt, Wage nicht mehr uns als ein Phantom anzusehen — so rückten die Teufel dicht an uns heran — wir sind, wir würgen und martern und machen einen zunichte. Bist du auch jetzt nicht gewillt, an unsere Realität zu glauben? Verschieden traf des Todespferdes Huf den armen Menschen. Einem näherten sich die Schreckensreiter in der Gestalt der bolschewistischen „Tscheka", dem anderen in der der Denikinschen „Konter-Raswedka", oder gar als Judenpogrom und als Überfall am hellen Tage und als Akt sozialer Rache. Das gütige Schicksal hat mich vor dem zynischen Martern der „Konter- Raswedka« und der grausamen Gleichgültigkeit der „Tscheka" bewahrt, wenn