Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Im Wirbel der Geschichte
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 485 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Im Wirbel der Geschichte 485 großen Konsumgenossenschaft sieben Paar Stiefel, hundert Schachteln Streichhölzer, Speck, Zucker, Eingemachtes. An diesem unerwarteten Reichtum zehrten wir in der Folge mehrere Wochen, indem wir ihn stückweise den Bauern feilboten. Der primitive Produktentausch konnte wieder losgehen. Der guten Seite des Machtwechsels gesellte sich aber stets das Böse und Gefahrvolle. Besonders schwer ging die Übergangszeit vor sich. Das Geld der abziehenden Macht geriet auf einmal außer Kurs, und auf dem Bauernmarkt gelangten verschiedene Geldzeichen zugleich zur Geltung. Man hatte noch nicht gänzlich das Vertrauen zum Romanowschen und Kerenski-Geld eingebüßt und man sah sich auch gezwungen, das Geld der andersgearteten Regierungen anzunehmen. Eine jegliche Kaufoperation dauerte stundenlang. Man setzte Kurszettel auf und führte eine mehrfache Buchhaltung. In den Tagen des Überganges wagte man sich nur mit großer Gefahr auf die Straße. Die aus den Gefängnissen losgelassenen Banditen und die Banditen des siegreichen Heeres wüteten in der Stadt. Man brach in Wohnungen ein, raubte und mordete. Die „Freiheit" des Naturzustandes stellte sich ein. Hinter verriegelten Toren und geschlossenen Türen sahen wir, voll Bangigkeit und zum Selbstschutz bereit, dem bösen Spiel zu. Im tiefen Innern war sich jedoch ein jeder gewiß, daß der vor jedem Hause organisierte Selbstschutz ebenso imaginär war, wie all das Treiben uns vorkam, dessen stumme Opfer wir wurden. Nur der Zufall konnte helfen, nur an die Fatalität wurde geglaubt. Und nur die wenigen waren in sich gekehrt und beteten in aller Stille: Es ziehe vorbei . . . Mich persönlich versetzte dieser Hexentanz stets in Staunen. Unter allen sozialen Erscheinungen der großen Umwälzungen ist mir tief in Erinnerung geblieben am Anfang der Revolution die Offenbarung der sogenannten Volkssouveränität — auf einmal wurde mir klar, was ich früher nie bis auf den Grund begreifen konnte: ich sah mit irdischen Augen und faßte beinahe mit leiblichen Händen das große Ungeheuer, Volkssouveränität genannt. Und nun während der Kiewer Machtumstellungen sah ich auch mit irdischen Augen und faßte mit leiblichen Händen das Chaos des Naturzustandes, und wie aus diesem zuerst eine „Polizei" und dann eine Art Regierungsgewalt gebogen wurde. Wir, in diesem Falle die Neutralen, zogen uns zurück und züchteten in uns und in unserer nächsten Umgebung ein Rechtsbewußtsein und Rechtsgestalten, und sie, die anderen, die mit Flinten und Kanonen versehenen kämpfenden tatsächlichen physischen Machthaber bildeten die Gewalt, die „Polis". Im Zentrum des Chaos und des allgemeinen Gemetzels gelangte endlich die politische Methode mit ihrem Konzentrations- Affekt zur Anwendung, und ringsherum, an der Peripherie der in Wirbel geratenen Mächte wagte sich das Recht samt seinem Geltungsgefühl ans Tageslicht. Allerdings, selbst in unserer neutralen Sphäre, hinter verriegeltem Tor kamen auch politische, machthaberische Erlebnisse zum Ausdruck. So erinnere ich mich während mehrerer Monate das Amt eines Vorsitzenden