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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 484

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1921-01-01
Page
484 (sequence 10)
Language
German
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484 David Kolgen: ukrainische Muschik blieb standhaft und erhob sich erst dann, als die zaristische Armee der Denikin ihn nach herkömmlicher Art zum Gehorsam zwang. Das Gefühl der Irrealität hatte von uns allen Besitz ergriffen, und gegen diese metaphysische Einstellung vermochte selbst die schonungslose Revolutionsgewalt nicht aufzukommen. Besonders fiel mir die Bodenlosigkeit des Ganzen auf dem mir mehr vertrauten Gebiete des Bilduijgswesens auf. Die aus Moskau entsandten halbgebildeten Kommissare versammelten uns Lehrer der Hochschulen in speziellen „Kommissionen zur Aufstellung neuer Programme der Hochschulen" und suchten, uns den Gedanken beizubringen, daß alle Wissenschaften, die Naturwissenschaft mit inbegriffen, dem Willen des neuen zentralisierten Staates angepaßt werden sollten. Der Arbeiterstaat — so erklärten die Kommissare — habe als Maßstab des Seienden und Nicht-Seienden, des Wahren und Falschen zu dienen. Die Kerle erdreisteten sich zu fordern, daß selbst die Mathematik und Astrophysik, geschweige denn die Natur- und Geisteswissenschaften vom Menschen sich nach den „Interessen" des Proletariats zu richten hätten. Die schlecht verdaute Kulturkonzeption von Marx sollte sich in einer Kultur- und Bildungspolitik auswirken, und als ich . als einer unter den ersten wiederholt meine Stimme erhob gegen diese neue mittelalterliche Art, die Wissenschaft zur Dienerin einer politischen Theologie zu machen, wurde mir ebenso oft vom Kommissar das Wort entzogen. Jünger der Wissenschaft werden mir nachfühlen, was wir moralisch zu erleiden hatten. Die Angst, den letzten Halt im trostlosen Dasein zu verlieren, schüchterte leider nicht selten manchen meiner Kollegen ein, und die Protokolle der genannten Kommission an der Kiewer Universität bergen in sich manchen Blödsinn, der sich mit mittelalterlichkatholischer Wissenschaft zu messen vermag. Tiefe Trauer erfüllte unser ganzes Wesen, und mancher unter uns kam sich abermals in der undankbaren Rolle eines Julianus Apostata vor, der vergebens gegen die Vorurteile der neu aufzurichtenden „Kirche" anzukämpfen sucht. Der geistige Druck der Kommissare entbehrte jedoch nicht der Lächerlichkeit, die uns bald zu erkennen gab, daß wir es keineswegs mit auferstandenen urchristlichen Bischöfen zu tun haben. So wurden uns Resolutionen vorgelegt, die auf gemeinsamen Tagungen russischer, ukrainischer und namentlich baschkirischer „Pädagogen" aufgestellt wurden. Die Baschkiren als Totengräber „bürgerlicher" und als Schöpfer „proletarischer" Wissenschaft! Das Rad der Geschichte rollte inzwischen weiter. Die bolschewistische Macht war im Abzüge begriffen, und Denikins Armee pochte diesmal wirklich an die Tore der vielgeprüften Stadt. Der Wechsel der Staatsgewalt schichtete stets von Grund aus unser Dasein um. Die abziehende Gewalt gebärdete sich großmütig und verteilte die aufgespeicherten und „requirierten" Güter an alle irgendwie beamteten Personen und vor allem an die „arbeitende" Bevölkerung. Bei einem solchen Abzug bekam ich persönlich jetzt schon in meiner Eigenschaft als Sachverständiger einer

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