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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 483

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1921-01-01
Page
483 (sequence 9)
Language
German
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IRI
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Im_ Wirbel der Geschichte. 483 den Toren von Kiew und Odessa, zog die Friedhofsstille ins Dasein ein. Der grausame und eintönige Alltag, der schon um 6 Uhr morgens mit Wassertragen, Holzspalten und Feuermachen begann, nahm Besitz vom ganzen Menschen. Um irgendwie physisch aushalten zu können, mußte man alsdann fortwährend Kleiderstücke bei den Bauern in Nahrungsmittel eintauschen, außer dem eigentlichen Beruf sich in wenigstens zwei Aemtern als Konsultant, Sachverständiger für Dingo verwenden lassen, von denen man keine Ahnung hatte, und dann fortwährend, unaufhörlich, zu Hause, während des aufgezwungenen Verkehrs mit den Mitmenschen, bei der Arbeit und den vielen anstrengenden Vorlesungen, die man zu halten hatte, den Hunger, die Kälte und zuw&len die Finsternis innerlich bekämpfen. Ich persönlich, der sonst stets gegen das Bunte und Farbenreiche einen Widerwillen hatte, verspürte ein unaufhaltsames Verlangen nach Farben. Ich wanderte denn auch nicht selten auf den Markt, um die Augen am Anblick von allerlei Kräutern zu weiden. Das Dorf, das mittelst des Warenaustausches noch schwache Beziehungen zur Stadt unterhielt, führte ein abgeschlossenes, eigenes Dasein. Als die Not mich dazu zwang, mehrere Monate als Sachverständiger (Konsultant) im ukrainischen Ernährungsministerium zu gelten, hatte ich zur Genüge Gelegenheit, mich vom abgesonderten Leben des Dorfes zu~ überzeugen. Das Ernährungsministerium machte es sich zur Aufgabe, möglichst viel Getreide von den Bauern zu erhalten. Zu diesem Behufe wendete es die übliche demagogische Herrschaftsmethode an. Es suchte um jeden Preis den Bürgerkrieg auf dem platten Lande zu entfachen. Die Bauernschaft wurde in eine Klasse der Armen und eine der Reichen eingeteilt und ein Armenkomitee (das sog. Kombed) ins Leben gerufen, dem die gesamte ländliche Bevölkerung unterstellt wurde. Dem Armenkomitee wurde die Aufgabe gestellt, das Brod den Wohlhabenden zu entziehen und zwischen den Angehörigen der eigenen sozialen Schicht und dem Staate aufzuteilen. Im großen^ und ganzen aber endete diese politische Mache mit einem vollständigen Fiasko. Das Dorf hielt an der Solidarität seiner gesamten Einwohnerschaft fest, und es bedurfte militärischer Exekutionen, um bloß einen Bruchteil der geforderten Abgaben zu erlangen. Viele Vertreter der bäuerlichen Kombeds, mit denen ich mich privatim unterhielt, gaben zu verstehen, das der Sowjetstaat eine gute Sache sei, solange er das Dorf in Ruhe lasse. Die Bauernschaft wolle keinen Zaren mehr, dulde aber auch keine Herrschaft bolschewistischer Kommissare. Die Staatslosigkeit, von der die Anarchisten aller Zeiten träumten, scheint eine Zeit .lang ihre Verwirklichung im ukrainischen Dorfe gefunden zu haben. Die Herrschaftsbeziehungen zwischen der Revolutionsgewalt und dem Dorfe blieben auf dem Papier. Auch dann war dies der Fall, als der Staat Soldaten verlangte und ein Institut der Haftung für jeden entlaufenen Rekruten errichtete. Manches Hab und Gut wurde auf solche Weise von der „Arbeiter-bäuerlichen Republik" vernichtet. Der

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