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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 482

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1921-01-01
Page
482 (sequence 8)
Language
German
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IRI
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482 David Koigen: sog. Kultur, das Schrifttum stark ukrainisiert wurden. Das Denikinsche Regime, das ein ausgesprochen ukrainefeindliches war, war für den Bolschewismus ausschlaggebend. Im Gegensatz zur Regierung der freiwilligen Armee stellten sie sich am Ende auf die Seite einer Art „Sowjetukraine", und es kam dazu, das im Winter 1920/21, vor meiner Abreise aus Kiew, die Regierungspresse, eigentlich die einzige Presse des Landes, lediglich in ukrainischer Sprache vorhanden war. Selbst die wenigen Bücher, die überhaupt noch die Welt erblickten, wurden von nun an nur ukrainisch abgefaßt. Auch die Lehrer und die Studierenden der ukrainischen Universität wurden materiell besser gestellt, als die russische Lehrerkörperschaft, und die noch früher gegründete ukrainische Akademie der Wissenschaften erfreut sich auch jetzt vollständiger Autonomie. Die vielfache Eroberung der Ukraine und der innere Widerstand, den diese der uniformierenden Moskauer Politik unausgesetzt zu leisten, verstand, prägten die Notwendigkeit einer völkerpolitischen Umstellung des Russenreiches ein. Das ukrainische Gemeinwesen brachte dem föderativen Gedanken einen realen Sinn bei. Es ist eine merkwürdige Erkenntnis, die die sogenannten historischen Zeiten, wo jeder Machtwechsel eine radikale Umstellung selbst des alltäglichen Einzellebens nach sich zieht, hinterlassen. Alles, was da von den Machthabern „geschaffen" wird, und möge dieses „Schaffen" auch euer gesamtes Leben treffen, mutet irreal und imaginär an. Dem einfachsten Manne aus dem Volke, dem Allergeringsten vermag das „Machen", die Mache der Herrschenden und Verwaltenden nicht zu entgehen. Man spürt kein eigentliches Schaffen und auch kein Wachstum, als Wirbel erscheint das Leben, ein Wirbel, von dem man getragen und hin und her geschleudert wird. Was der Mensch da macht und ausrichtet, und möge es den irdischen Tod zur Folge haben, erscheint als Spuk und Schemen. Der Mensch vermag aber volle Anerkennüng nur 'dem zu zollen, was er als real empfindet. Dieses Irrealitätsgefühl der allzu faßbaren Macht der bolschewistischen Herschaft gegenüber erklärt zur Genüge den inneren Widerstand, den auch die ukrainische Bevölkerung im großen und ganzen der kommunistischen Revolutionsgewalt leistete und noch zur Zeit leistet. Die Ukraine darf durchaus nicht als die Vend^e der allrussischen Revolution angesprochen werden. Und selbst die Vendee-Helden einer Revolution sind es meistens nicht aus Trotz und Uebermut, sondern infolge der empfundenen Irrealität der heranziehenden Mächte. Und gerade diese Kluft, die sich unwillkürlich zwischen der politisch-kriegerischen „Realität" der Machthaber und dem Realitätsgefühl der Einzelnen und der Volksmassen auftut, wurde uns auf die Dauer zum Verhängnis. In Wirklichkeit wurde das Leben allenthalben, wohin die Revolutionsgewalt samt ihrer roten Armee gelangte, zu einer vollständigen Wüste. Nach einem kurzen kriegerischen Intermezzo und nach häufig wiederkehrenden Alarmschlägen, der „Feind", die „Banditen", die Konterrevolution poche an

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