Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Im Wirbel der Geschichte
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 481 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Im Wirbel der Geschichte 481 werden vielmehr Rächer gezüchtet, oder, wie es bei schöpferisch gearteten Naturen der Fall ist, tun sich neue Schächte der Seele auf, wo man in aller Ruhe und Zuversicht das schreckliche Gewitter abwartet. Die Müden und Passiven geben sich jedoch der Macht des blinden Fatums hin, sie verstummen innerlich und werden mit Taubheit geschlagen; Der ukrainische Chochol pflegt zu sagen: „Schlimmer, aber anders". Der Wechsel der Herrschaft löst im Knecht bereits ein Freiheitsgefühl aus. Und die Kiewerwarteten stets auf einen Machtwechsel, da sie nach Freiheit lechzten. In mir persönlich rief dieser häufige Dekorationswechsel der Staatsgewalt ganz andere Assoziationen wach. Während der langen zwei Jahren in Kiew vermochte ich das Gefühl nicht los zu werden, daß wir es mit einer Mirage, mit einer tiefeingewurzelten Selbsttäuschung zu tun hatten. Besonders die jeweiligen Machthaber samt ihren Staatsregalien vermochten keine Achtung einzuflößen. Und erst recht die Tage des Machtweqhsels erinnerten an ein Bild aus meiner frühen Jugend. Im Zentrum der kleinen Stadt, auf dem Marktplatz, ist aus Brettern ein großes Zirkusgebäude aufgerichtet. Der Winter ist im Anzüge. Der Zirkus wird abgebrochen. Eine Menge von Fuhrwerken werden mit allerlei Koffern und Schachteln beladen. An die Fuhrwerke sind bereits die Esel, Affen und Pferde angebunden. Endlich erschienen die Zirkusreiter und Reiterinnen, der Direktor und die Burschen. Alles fremde, unbekannte Gesichter, die bloß ein Gefühl des Staunens erwecken. Man hört noch das Klopfen der Hämmer und den Fall der schweren Bretter. Mit dem Zirkus ist es zu Ende, bald wird ihn eine dramatische Truppe ersetzen. In den engen, schmutzigen und doch so vertraulichen Gassen wird man wieder Herren in Zylinder und Damen in Hüten begegnen, aber diesmal ohne lange Federn daran und ohne Peitschen in den Händen. Mich erfüllt der Dekorationswechsel mit Freude, und doch ist es mir so bange um die Zirkusleute. Man ist einfach traurig gestimmt, daß es in der Welt zu einem Wechsel kommt. Als die Bolschewiki Petljura ersetzten, atmeten in den ersten Tagen die großimperialistisch gesinnten Russen freudig auf. Alles, was halbgebildet und des Schreibens und Lesens kundig war, wurde in Sowjetbeamten verwandelt Die wirklichen Bourgeois voran. Sie bekleideten als Sachverständige und Spezialisten („Spez« genannt) verantwortliche Stellen. Der Kampf galt vornehmlich den ukrainischen Separatisten. Diese aber machten gar keine Miene, sich aus dem Spiele zu ziehen. Sie bekleideten Aemter, hielten die Konsumgenossenschaften und die Dorflehrer in ihren Händen und stellten so die eigentliche Brücke dar, die die Stadt mit dem Dorf verband. Während draußen, sporadisch und ununterbrochen ein regelrechter kriegerischer Kampf mit den ukrainischen „Banditen" tobte, gaben in Verwaltung, Schule und Presse die Bolschewiki nach. Allmählich machte sich eine Arbeitsteilung bemerkbar. Die Staatsgewalt samt der Armee und den Parteigewalten blieb den Händen der russischen und israelitischen Moskowiter, während die