Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 480

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1921-01-01
Page
480 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101175-3101184-3107134--5334-3107172
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

48o David Koi gen : Odessa saß und die Kiewer Regierung zugunsten Denikins ausnutete, erweckte falsche Hoffnungen und schwächte ihren Willen. Die Bolschewiki eroberten die Ukraine aufs neue. Ein unheimliches. Gefühl erfaßte uns in den Stunden, als die ukrainische Volksarmee im Abzüge war und die russische rote Armee nach vielfachen Kämpfen ihren Einzug nach Kiew hielt. Wir kannten jetzt den Wert der „Volksfreiheit", in unserem Gedächtnis war aber auch frisch die Erinnerung an den bolschewistischen „Gerechtigkeitsstaat". Wir kamen uns wie Schuljungen vor, die nach der verstrichenen Pause, in der wir tüchtig Radau gemacht und uns allen blutige Köpfe geholt hatten, plötzlich vor den brutalstrengen Lehrer treten müssen. Die genossene „Freiheit" war voll Gefahren, so daß man sich oft auf die Straße nicht hinauswagte, und doch war es übermenschlich schwer, dem bolschewistischen Fatum wieder zum Opfer zu fallen. Ich persönlich glaubte einfach nicht an die Erneuerung des knechtischen Joches und noch am ersten Tage der kommunistischen Diktatur schrieb ich meinen regelrechten Artikel: „Im Wirbel der Geschichte". In dem Enthusiasmus, den, nach einem Worte Goethes, der geschichtliche Hochflug in uns erregt, übersah ich das Verhängnis, das uns alle bereits umschlungen hielt Noch heute vermag ich das verwunderte Gesicht des bolschewistischen „Genossen" Kommissars nicht zu vergessen, der auf unsere Redaktion kam, um das Blatt zu verbieten. Er war aufrichtig bestürzt, als er unsere Verständnislosigkeit dem eingetretenen Ereignis gegenüber wahrnahm. Der Tod trat dicht an die Menschen heran, und die Menschen in ihrem Leichtsinn vermochten sein schreckliches Antlitz nicht zu sehen. Bald sollte es anders werden. Bald sollte alle „Freiheit" als ein bürgerliches „Vorurteil" gründlich ausgerottet werden. Es dauerte gar nicht lange, und alle Geschäfte waren versiegelt, die Lebensmittel verschwanden, das Geld sank-rapid im Werte, die Straßen waren wie ausgestorben, die Wasser- und Lichtversorgung versagte. Nächte hindurch hielten wir abermals, wie einst an der Newa, Wache yor der Tür und hörten fortwährend Schüsse, die bedeuteten, daß die neugeborene Macht über ihre wirklichen und vermeintlichen Feinde zu Gericht sitzt. Und als die Bolschewiki abzogen und durch Denikin oder Petljura ersetzt wurden, wiederholte sich bis auf ein Haar das gleiche grausame Schauspiel. Dazu gesellte sich noch die etwas sonderbar anmutende Sitte, stets vor dem Verlassen der Stadt durch die bedrohte Macht die gemeinen Verbrecher aus den Gefängnissen freizulassen und die politischen Gefangenen, die man nicht gerade als Geiseln mitschleppen wollte, an Ort und Stelle zu erschießen. Nachher galt es die Verbrecher zu fangen und in Massen, nach dem Ausdruck der jeweiligen Machthaber, ins Jenseits zu transportieren. Und all dies spielte sich nachts, in tiefer Verborgenheit und Stille ab. In solchen Nächten, wie die Leute zu sagen pflegen, wächst. dem Menschen graues Haar. Meine Erfahrung hat mich eines anderen belehrt Da

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.