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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 479

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1921-01-01
Page
479 (sequence 5)
Language
German
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IRI
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Im Wirbel der Geschichte 479 zwischen zwei Feuern und zwar dem allrussischen moskowitisch-bolschewistischen und dem allrussisch-denikinschen. Der mühsam aufgerichtete schwache ukrainische Staat legte rasch das „europäische" Antlitz ab und begann mit demagogischen Mitteln zu arbeiten. Mit einem Auge schielte er in der Richtung nach Moskau, und es kam dazu, daß das Kiewer Parlament unter dem Einfluß von Winitschenko sich einer Art Bauernrat (Bauern-Sowjet) näherte. Die ukrainische Armee aber, die auch viele Elemente aus den „echt russischen Leuten" in sich aufsog, begann nach Denikinscher Art zu arbeiten/ Auf einer Seite der Drang zu eigentümlichen Bauern-Sowjets, auf der andern, überall im Lande, die ersten Judenmetzeleien. Die Juden mußten büßen sowohl für die drohende Gefahr seitens des bolschewistischen Moskau, [wie für die allrussischen Aspirationen der Denikinschen Freiwilligenarmee. Die Pogrombewegung trug ursprünglich keineswegs den Charakter einer spontanen Volksbewegung. Stets, waren es halbgebildete Elemente, meistens Beamte, die das Signal zu den Judenmetzeleien gaben. Die Großrussen, die wegen der angesetzten Ukrainisierung des Staats- und Bildungswesens tief erbittert waren, äußerten Schadenfreude: Da habt ihr die ukrainische Volksbestimmung, die nur mit Hilfe von Pogroms sich zu behaupten vermag; anderes ist von den „rundköpflgen" Chochols auch nicht zu erwarten. Der Haß der Russen den Ukrainern gegenüber nahm besonders an Stärke zu, als über Nacht die russischen Schilder der Geschäfte auf Befehl der Behörde in ukrainische ungewandelt wurden. Kiew erhielt in russischen Augen auf einmal das Aussehen einer serbischen oder bulgarischen Stadt. Der Stadt ward das großimperialistische Zeichen vom Antlitz gerissen, und Kiew sank in den Augen der russisch Gesinnten zur niederen Provinz. Die Angstvor dem Bolschewismus hielt eine Zeit lang alle Völker undParteien der Ukraine zusammen. Im Hintergrunde führte jedoch das großimperialistische Russengefühl einen unerbittlichen Kampf mit dem Dorflehrer, der sein Leben lang kleinrussisch oder ukrainisch sprach und sich ebenso gebärdete, und jetzt mit Hilfe der Galizier sich als Ukrainer und, „Westeuropäer" zu fühlen begann. Die Gebildeten unter den Ukrainern sagten sich offen von den „Barbaren" Tolstoi und Dostojewski los, man höhnte den maßlosen russischen Geist, den jetzt das ukrainische Volkslied und der steife „europäische" Hut zu ersetzen hätten. Man erinnerte sich an die Schmach, die der russische Staat des alten Regimes dem ukrainischen Schrifttum angetan habe, indem er die Bibel und das Zeitungswesen in ukrainischer Sprache unter Verbot hielt. Alte katholische unionistische Strebungen wurden wach. Selbst der Gottesdienst, eine Sphäre, die der Kommunismus taktvoll zu umgehen verstand, wurde hie und da ukrainisch gestaltet. Die Judenpogrome und der Pogrom des russischen Geistes samt der Verwaltungsohnmacht des jungen ukrainischen Staates erleichterten Moskau seine Ziele. Die Okkupanten zogen ab, die französische Diplomatie, die in

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