Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 478

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1921-01-01
Page
478 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3101111-3101175-3101184-3107134--5332-3107170
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

478 David Koigen: mal nicht ausbleiben. Bei mir persönlich gesellte sich' noch dazu die Unruhe der Juden wegen, die an dem bedenklichen Treiben teilnahmen. Wir alle, die eben der kriegs-kommunistischen Knechtung entlaufen waren, begannen im stillen den Gerechtigkeitssinn des bolschewistischen Schreckens zu ahnen. Zu jener Stunde tauchte denn auch in mir das Bild der Teufelsbrücke auf. Der Schrecken und der Tod blieben auch nicht aus, sie stürzten auf einmal heran und immer wieder kehrten sie zurück. Der Totentanz war im vollen Gange. Ich will in aller Kürze berichten, wie er uns zwei volle Jahre hindurch plagte und mit Schrecken erfüllte. Die rein chronologische Aufeinanderfolge der Ereignisse ist schnell gesagt. Den Hetman ersetzte Petljura, diesen die Bolschewiki, die ihrerseits von Denikins sog. Freiheitsarmee samt den Galiziern verjagt wurden, diese mußten aber wieder der roten Armee weichen, die ihrerseits den Polen samt Petljura den Platz räumten, um am Ende den Bolschewiki die Herrschaft abzutreten. Dies ein totes Schema, hinter dem sich eine grausame Geschichte abspielte, die auch zur Zeit ihr Ende noch nicht erreicht hat Schon beim ersten Anblick wußte ich es: die gegen Moskau gerichtete ukrainische Bewegung ist keineswegs als eine gegenrevolutionäre zu bewerten. Nebst den Anhängern eines selbständigen ukrainischen Staatswesens sammelten sich auch allrussische Elemente, die einer demokratischen Revolutionsgestaltung das Wort redeten. In der großen täglichen Zeitung" „Unser Weg" („Nasch Putj"), die auch unter meiner Mitwirkung von einigen russischen Demokraten noch in den Tagen des Hetman herausgegeben wurde, sprachen wir denn auch von der zwiefachen Revolution, von einer imperialistisch-bolschewistischen und einer föderativ-demokratischen, die nun im Gange sei. Selbst die sogenannte Armee der Freiwilligen, die die Erbschaft Kornüows und Aleksejews antrat und sich unten, in Nowotscherkask, Jekaterinodar, Rostow am Don unter General Denikins Führerschaft sammelte, erschien uns ursprünglich als ein Organ der demokratischen Revolution. Zu meinem Leidwesen muß ich gestehen, daß ich damals im Hinblick auf jene Armee das Wort des russischen Garibaldi und Garibaldismus prägte. Nach nichts verlangte es uns so stark als nach Freiheit, und selbst die Möglichkeit, eigenhändig einen Akt des Kaufens und Verkaufens zu vollziehen, empfanden wir als eine gewaltige Freiheitstat. Mit großem inneren Widerwillen mußten wir jedoch der Ernüchterung, die sehr bald eintrat, nachgeben. Mit einigen Ausnahmen setzte sich das „garibaldinische" Heer aus Abenteurern und Kriegsgewinnlern schlimmster Sorte zusammen, und bald erfuhr ich es: die politisch tätigen Elemente Rußlands, und dies in allen Lagern, sind dem Temperament und den Methoden nach durchweg bolschewistisch gerichtet. Bolschewistische Zerstörungswut, gepaart mit dem Kultus der Diktatur-Gewalt, ohne die kommunistische Ideologie, durchtränkte auch die Freiwilligkeitsarmee. Die rein ukrainische Bewegung und Armee, von Petljara befehligt, hielt noch eine Zeit lang fest an den Traditionen der Volksfreiheiten und sah sich bald

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.