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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 477

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1921-01-01
Page
477 (sequence 3)
Language
German
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Im Wirbel der Geschichte 477 getragen wird, ohne in das höllisch-lachende Antlitz des Satans zu sehen. Behüte sie Gott auch fernerhin, den Weg zu kennen, den sie gehen, noch lange gehen müssen. Ein Seitenblick in den Abgrund — und mit ihrer heiteren Ruhe und ihrem gesangvollen Leben wäre es auf immer zu Ende. Als wir im Sommer 1918 in Kiew anlangten, war bereits der erste Akt der ukrainisch-russischen Revolution ausgespielt. Auf dem mit Hilfe der Hohenzollern errichteten Thronsessel saß der russische General Skoropadski als Hetman der Gesamt-Ukraine. Der providenzielle Massenführer Petljura dagegen saß hinter Schloß und Riegel. Die Rada, das ukrainische Volksparlament, eine Schöpfung des Galiziers Professor Gruschewsky, mit all ihrem Renommier-Demokratismus, mit ihrem demokratischen Papiergeld, das mit ukrainischen, russischen und jiddischen Lettern bemalt ward, war bereits im Welken begriffen. Murawjew, der an der Spitze der bolschewistischen Armee mit Kanonenschüssen und Schrapnellfeuer gekommen war, um die unbotmäßige Ukraine Sowjetrußland einzuverleiben, mußte kurz nach der Eroberung Kiews unverrichteter Dinge dem deutsch-österreichischen Okkupationsheer weichen. Der Brester Frieden hielt eine Zeit lang den bolschewistischen Expansionsdrang nieder. Murawjew hinterließ jedoch einen starken Eindruck. Die ukrainischen, jüdischen und selbst die russischen Parteien schworen damals Moskau ewige Feindschaft. Lediglich in den Reihen des Kiewer Lumpenproletariats gewann Murawjew treue Freunde. Der Hetman selber gab den ihn umgebenden russischen Generälen samt den Vertretern der Großindustrie zu verstehen, daß seine Sache die Sache Rußlands sei, den Deutschen gegenüber gebärdete er sich aber als ergebener Vasall Wilhelms II. und den Ukrainern suchte er plausibel zu machen, daß er ein schlauer Chochol sei, der zur rechten Stunde es schon verstehen würde, die Moskowiter samt den Preussen zum Teufel zu jagen. Auf solche Weise hat es denn auch die Regierung Skoropadskis fertig gebracht, das Land vollständig politisch zu demoralisieren. Das Uebrige bewerkstelligten die Kriegsgewinnler, Valutaspieler und Schieber, die aus allen Teilen des russischen Reiches hierher gekommen waren, um mit Hilfe der Okkupanten ihr unsauberes Geschäft weiter zu treiben. Nie werde ich den ersten Eindruck vergessen, der sich mir in Kiew bot. Der Kreschatik (die Hauptstrasse) war von dichten Menschemassen bedeckt, die alle mit Valuta handelten und mit Offizieren der Okkupationsarmeen unsaubere Geschäfte abschlössen. Trotz des naiven Entzückens, das uns, in Scharen angelangten Petersburgern und Moskauern, schon beim Anblick der mit Weißbrot angefüllten Schaufenster erfaßte, mischte sich bereits in der ersten Stunde der Freude ein bitteres Gefühl des Aergers und — der. Unruhe. Wir kannten allzugut die aufgezwungene Askese und den grausamen Ernst der Russenrevolution — und wir wurden stutzig. Alle Angst und alles Leid, die sie in Rußland ertragen hatten, war im Gedächtnis dieser Börsenmenschen ausgetilgt. Und nun wußten wir es: die Nemesis wird dies-

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