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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 476

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1921-01-01
Page
476 (sequence 2)
Language
German
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476 D avid Koigen: Steppe erlitten hatte. Damals halfen die Normannen, die zu jener Zeit bekanntlich ihre dauerhafte Wirkung auch auf die historischen Geschicke Englands, Frankreichs und Italiens ausgeübt haben, die Ukraine aufzurichten. Aber da trägt die Ukraine einen fremdländischen Namen, sie heißt „Rusj", Russenland*). Da ist sie beinahe eine europäische Macht. Bei der nächsten Umschichtung des russisch-historischen Lebens, bei der Verlegung seines politischen Zentrums verwandelt sie sich wiederum in die Ukraine, um gar am Ende im Begriff „Kleinrussland" unterzutauchen. Eigentliche ukrainische Geschichte, die diesen Namen verdient, wird stets gekennzeichnet durch Morden und Gemordetwerden, durch kriegerisches Gemetzel und aufgezwungene Rassenvermischung. Ein merkwürdiges Land ist diese Ukraine. Wohl auf keinem Stück europäischer Erde ist soviel Menschenblut, auch unschuldiges jüdisches Blut, vergossen worden, und ist aber das Barbarengemetzel aus, blüht alles, im Nu, aufs neue auf, Menschen feindlicher Rassen und Stämme schauen einander wieder treu ins Auge und die hellen lachenden Tage und die tief bestirnten schwermutsvollen Nächte kehren wieder. . Wie nach einer stürmischen Kiewer Nacht, wo, wie es scheint, die Muttererde aus den Fugen gehoben wird, am anderen Tage die Sonne sie wieder anlacht und jedes Kirschenbäumchen ihnen einen Gruß zuwirft. Das kriegerische Getöse ist verstummt, und Moskau regiert und bevölkert die Städte, der Chochol**) schafft friedlich auf dem Felde, und nach einer Freudenträne der dunkeläugigen Maid weiß sich der Jüngling als „Herr über Herren". Nach mehr verlangt es ihn nicht. Selbst die „sechsunddreißig Frommen" der Judenheit als ukrainische Bauern verkleidet, fahren fort, in verschwiegenen Nächten, in verborgenen Wind- und Wassermühlen Zwiegespräche mit dem Gott Israels zu führen, der „Berditschewer Ruw" aber verständigt sich mit ihm auf ukrainisch, und wenn der „Chussid", ganz in die Wolken des Talmuds versunken, die Hagada und Halacha zu einem Singturnier auffordert, so singen der Chassid und die ukrainische Maid, die bei den Töpfen zu schaffen hat, ein und dieselbe Weise: „Omar Abaje — am Mittwoch, Nastja, mein Herz, mein blaues Täubchen". Wer sagt ihnen da, wo die Natur aufhört und wo der Mensch anfängt, wo Ukraine und Israel nicht ein und dasselbe sind?! Die Ukraine ist erst im Werden begriffen und in mir rief sie, zumal die Revolution, wie diese sich dort vor meinen Augen abspielte, die Erinnerung an ein Bildchen eines Schweizer Malers w;ach, das ich vor Jahren sah. Ein leibhaftiger Teufel, zwischen zwei Abgründen ausgestreckt, mit dem satanischen Gesicht nach unten gewendet, stellt eine Brücke dar. Menschen, friedsame Dorfleute, Mütter und Kinder samt Getier passieren die Brücke, ohne eine Ahnung zu haben, daß sie vom Rücken eines Teufels .*) Nach den neuesten Forschungen der russischen Historiker ist der Name „Rusj* von den Normannen gekommen. Er ist keineswegs slavischen Ursprungs, **) Ukrainischer Muschik.

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