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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 474

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
Der werdende Mensch und der werdende Jude
Date
1921-01-01
Page
474 (sequence 18)
Language
German
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474 Ernst Simon: Der werdende Mensch und der werdende Jude und Ausatmen der göttlichen Seele, als die Systole und Diastole des göttlichen Herzens zu verstehen: zwei Phasen des gleichen Tuns. Der einmal erschaffen habende Gott des Zimzum und der ewig neu schaffende der Haschpaah, der transzendente und der immanente Gott also sind in unserer Seele vereint. So können wir denn auch Zusammenziehung und Ausstrahlung als Vorgänge unseres Innern erleben, als Haltung unserer Erden-Wirklichkeit wählend bewähren. Mit diesem Schritt sind wir mitten in Landauers Welt, für den es kennzeichnend ist, daß er Glück und Leid der Schöpfung nur im Ich, aber auch immer im Ich erlebt. „Kraft" und „Natur" heißen ihm die beiden Gegensätze; die „Kraft" ist sein „Zimzum", die „Natur" seine „Haschpaah" — die „Wechselwirkung" sein „J i c h u d". In dem wundervollen Vortrag über Friedrich Hölderlin spricht er davon, daß Nietzsches Kraft aus der Selbstüberwindung den Schwung des Flugs gewann, während Hölderlins Natur durch ihre eigene Leichtigkeit wie von selbst getragen wird. Landauer liebt Haschpaah mehr als Zimzum; das Heruntergleiten der Genius-Strahlen auf die erstaunte Welt heißt ihm ein „Liebesleben der Selbstverständlichkeit", die Zusammenziehung, das Wieder-Einsammeln der Strahlen, wie es der Baalschem einmal vor einem schweren Werke vornimmt, bringt für Landauers Gefühl zu viel Bewußtes, Krampfhaftes, Hochmütiges mit sich. Aber die letzte Einung bereitet sich auch hier: wie Hölderlins „Rhein" gerade aus der Hemmung zur fruchtbaren Arbeit kommt, wie aus dem Brausenden ein Städtegründer und Bürger (doch kein Philister) wird — da zeigt sich die überwölbende Einheit des Lebens, die aus dem Zimzum der Tragödie und der Haschpaah des Märchens das Zwischen-Reich des Menschen formt. Dieser Zwiespalt zwischen „Kraft" und „Natur" bleibt nur so lange offen, als auch der Mensch zwiegespalten lebt; doch wie er in Gott zum Ein- und Ausatmen verbunden ist, so auch im zentralen Menschen, „dessen gewonnene Einheit" — nach Bubers schönem Wort*) — „die Reinheit und die schlichte Kraft der elementaren hat". VII. Gustav Landauer ist tot. ' Ohne die furchtbare Fügung seines Todes würde jüdische Jugend nicht so gesammelten Herzens, wie das heute möglich ist, zu ihm, dem ewig werdenden Menschen, aufsehen können. Wir wollen uns darum nicht schelten, sondern ehrfürchtig das Walten des Unsichtbaren verehren, das die kleinen Spaltungen schließt, wenn es den letzten und tiefsten Spalt reißt. Doch schon droht Nebel, sein klares Bild fälschend zu umhüllen. Schon sieht man Gustav Landauer als den Typ des „reinen Dulders" an, wenn man ihm wohl will — als den des „unpraktischen Schwärmers", wenn man ihn fürchtet. *) In der Einleitung zu den „Reden und Gleichnissen des Tschuang-Tse« 1910.

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