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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 473

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
Der werdende Mensch und der werdende Jude
Date
1921-01-01
Page
473 (sequence 17)
Language
German
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Der werdende Mensch und der werdende Jude 473 IS^M.An dieser Stelle soll noch einmal daran erinnert sein, daß wir Gustav Landauers eigen gewachsenen Geist nicht von „Vorbildern« oder „Einflüssen" her bestimmen wollen und daß wir noch viel weniger nach „Prioritäten" suchen. So wäre es denn kein Einwand, wenn viele der berührten Gedanken sich auch in anderer Mystik, in deutscher und indischer z. B., finden lassen und von da her auf Landauer gewirkt haben. Die eigentümliche Verbindung, die jene Elemente in seinem Geiste eingegangen sind, entspricht genau dem Komplexe des Chassidismus, der ja auch mit vielen verschiedenen Systemen Berührungspunkte zeigt, ohne von ihnen herzustammen. Und ebensowenig, wie etwa ein Abhängigkeitverhältnis zwischen Landauers Glaubens und der jüdischen Mystik behauptet werden könnte, ebenso sicher ist es, daß der gleiche geheime Strom des gemeinsamen Blutes diese beiden Erscheinungen des Göttlichen in der Welt getränkt und ans Licht gehoben hat. Wir wollen Gustav Landauers religiösen Genius lebendig machen, so wie er als ein Eigener und Ganzer war; und bei diesem Bestreben finden wir ihn auch den beiden zentralen LehrbegrifTen der jüdischen Mystik benachbart — in der Anschauung von Zimzum und von Haschpaah, um deren tiefe Klärung sich Bubers Einleitung zum „Großen Maggid" so sehr verdient gemacht hat. Zimzum heißt Konzentration, Zusammenziehung, Sammlung. Der Begriff ist dem nah, was in der deutschen idealistischen Philosophie, insbesondere bei Schelling, die negative Haltung Gottes bedeutet, sein Sich- Versagen, Sich-Abgrenzen gegen das Andere, sein Sich-Einschränken gegen die Welt Dies ist der Akt der Schöpfung: Gott gibt die Welt frei. Sie stammt aus der göttlichen Sphäre, aber lebt nicht mehr in ihr, sondern läuft mit der (Landauer so verhaßten) Konsequenz des kausalen Naturgesetzes ihren irdischen Lauf, „zerbricht die Gefäße" des Göttlichen in ihrer Mitte, die vom Ursprung zeugen, und erlebt also den SündenfalL Das Göttliche ist in der Welt, auch jetzt noch; aber die Schechina hat keine Wohnung mehr, weder bei dem vereinsamten Schöpfer, noch bei den verstreuten Geschöpfen. Und hier nun setzt die (von Landauer so geliebte) freie Tat des Einzelmenschen ein: durch Jichud, durch den Akt der Einung, der nicht Kompromiß und nicht Synthese ist, sondern lebendige Wechselwirkung lebendiger Menschen und — zunächst. — lebendiger Ströme im Herzen eines, des geeinten Menschen, des Zaddik. Der Gerechte, der sich so erlöst, hilft zur Erlösung Gottes, zur Einung der Schechina mit dem Schöpfer. Haschpaah dagegen heißt Emanation, Austrahlung und bezeichnet die Haltung des gewährenden Gottes, des ewig die Welt neu und immer neu erschaffenden, der sie mit den Strömen seiner Glorie überschüttet. Die »Gotteswellen" brechen sich in „der Letztheit der Sinnendinge", also wieder in unserem eigenen Ich — uud wir finden zu ihnen und damit zu Gott selbst, wenn wir die irdischen Schalen durchstoßen, die unsern und der Welten Kern umhüllen. So sind Zimzum und Haschpaah keine Gegensätze, sondern — wie unser teurer Meister Nobel gelehrt hat — als das Einatmen HeftS 31

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