Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 472

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
Der werdende Mensch und der werdende Jude
Date
1921-01-01
Page
472 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101175-3101184-3107133--5324-3107164
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

472 Ernst Simon: sagt er in dem Rousseau-Aufsatz über die Möglichkeit, die Erfindung^der Eisenbahn in kulturförderndem Sinne auszunützen. Wir finden in dieser Einstellung jenen chassidischen Zug wieder, dem der böse Trieb des Menschen wie überhaupt seine ganze Irdischkeit nicht vernichtenswert scheint, sondern im Gegenteil: wert, zur Höhe des Göttlichen emporgehoben zu werden. Solchem Denken steht Abraham höher als die drei Engel, weil er als Mensch die Möglichkeit hat, die den Boten Gottes fehlt, auch die tierische Funktion des Essens zur Heiligkeit zu wandeln — nicht durch Verzicht, sondern durch Erfüllung. Das Heil des Menschen liegt in ihm selber und er kann es immer, zu allen Zeiten und an allen Orten, verwirklichen — unabhängig von Technik, Umwelt und Aeußerlichkeit, Alles ist dem nutzbar, der es nutzt und sich nicht zum Sklaven des niederen Prinzips der Welt macht. Als sein Herr wird er auch am bösen Trieb einen treuen Diener haben. Sogar die chassidische Idee der Seelen Wanderung findet sich in genau derselben Form in einem Dialog, der „Bairam und Schlichting" überschrieben, 1911 entstanden und in dem Buche „Rechenschaft" wieder veröffentlicht ist. Es ist* ein — wohl an Mauthner geschultes — „Totengespräch", in dem die Anwälte des himmlischen Aeropags, in diesem Falle Proudhon und Mazzini, über die Aufnahme der beiden Kandidaten in die Gefilde der Seligen miteinander streiten. Bairam ist ein armenischer Empörer, der hingerichtet wurde, weil er den deutschen, in türkischen Diensten stehenden Oberst Schlichting aus nationalem Haß erschossen hat. Proudhon weiß für Bairam, Mazzini für Schlichting manch guten Grund zu sagen, bis die oberste Entscheidung beiden recht und unrecht gibt. Sie müssen wieder zur Erde, um in veränderter Gestalt „den Kampf, den sie begonnen, weiter zu kämpfen", bis er einmal ausgefochten sein wird. — Diese Vorstellung, mit der Landauer nicht etwa nur spielt, deckt sich ganz mit der chassidischen Anschauung, wie sie uns auch aus manchen Geschichten des „Baalschem" und des „Großen Maggid" deutlich wird. Zwar ist der Gedanke, daß die Seelenwanderung bis zur Stufe der letzten Reinigung fortgesetzt werden muß, auch andern religiösen Anschauungen eigen. Doch spielt hier noch eine spezifisch jüdische Vorstellung hinein, die wir vorhin schon berührten, als uns die Unterscheidung zwischen „letzten" und „vorletzten" Dingen beschäftigte. Nur die Sünden, die auf dem „letzten" Gebiet, auf dem zwischen Gott und Mensch, geschehen sind, kann nach jüdischer Anschauung der Schöpfer selbst am Tage der Versöhnung von sich aus vergeben — die Frevel des Lebens, die in der „vorletzten" Sphäre, zwischen Mensch und Mensch sich ereignet haben, kann nur der Mensch dem Menschen verzeihen. Und erst dann spricht der Heilige, gelobt sei er, sein lösendes Wort, wenn die Menschen das ihre gesprochen haben. Nur dieser Deutung erschließt sich der Sinn von Landauers sozialer Mystik völlig, einer Mystik, für die — nach Bubers Wort — nicht im Menschen, sondern zwischen den Menschen Gott sich verwirklichen läßt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.