Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Der werdende Mensch und der werdende Jude
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 471 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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t)er werdende Mensch und der werdende Jude' 471 einmal in der Hauptsache Freiheit vom Wort, sondern gleich und mehr noch Freiheit zum und i m Wort, Freiheit der Deutung und jener Mystik, die aus der Skepsis wächst. Ob — in Bubers „Großem Maggid" — der Rymanower Rebbe vom Mißbrauch des Wortes so urteilt, als ob er dem Morde gleichzusetzen sei, oder ob Landauer aus dem „zieräffischen" Stil moderner Schriftsteller den puppigen Unernst ihrer Menschlichkeit zu erweisen sucht das ist beidesmal ganz dasselbe. Und ebenso im Positiven: wie eine chassidische Ueberlieferung ihren Pantheismus, das spinözistische deus sive natura, dadurch rechtfertigt, daß sie für „hatewa" — die Natur — und „elohim" — Gott — den gleichen Zahlenwert der hebräischen Buchstaben errechnet — so läßt Landauer einmal das ganze Mittelalter aus dem Wortstamme „Fro" erstehen, der zunächst Herr heißt (Fronleichnam), dann dessen Stimmung: die F r e u d e zeugt, seinen Knechten aber ihr Gegenteil : die Fronarbeit auferlegt und schließlich in seiner letzten Bedeutung frouwe, Herrin, Frau auch noch den Minnedienst zu den Zeichen für Kirche, Feudalismus, Freude und Arbeit hinzufügt. Wir vermuten, daß dieses Ernstnehmen der Sprache auch für Mauthners Arbeiten ein uralt jüdir scher, wenn auch unerkannt wirkender Antrieb gewesen ist, wie er sich schon bei Drohungen des Arnos und den Visionen des Jeremia findet und für Kabbala und Chassidismus dann durchaus bestimmend wird. Das eben für Landauers Methode gewählte Beispiel steht in einem Aufsatz des „Werdenden Menschen", der den Titel „Arbeitselig" führt. Das Thema dieser Untersuchung ist die Erfüllung jenes in der Ueberschrift verborgenen Doppelsinns, der uns aus dem Worte „mühselig" vertrauter anspricht. Die Freude, die Seligkeit an Arbeit und Mühe ist es, die Landauer durch sein ganzes Wirken wecken will, um die verhängnisvolle Spaltung zwischen Beruf und Freizeit zu überwinden und den ganzen Menschen in jede seiner Betätigungen organisch hineinzustellen. Man sieht hier deutlich die Aehnlichkeit mit der Auffassung des Chassidismus, dem ebenfalls die Freude als höchste Pflicht und als einzige Möglichkeit wahrer Gottinnigkeit gegolten hat. Mit derselben Feindschaft und derselben Verkennung, mit der Landauer und seine gesetzestreuen Gegner, die Marxisten, sich gegenseitig bekämpften, haben sich auch Chassidim und die rabbinisch gesinnten Mitnagdim befehdet. Es ist — in zwei Welten — ganz der gleiche menschliche Gegensatz. Von dieser Position her ist auch Landauers Ablehnung der Askese und sein Mißtrauen gegen jede „Rückkehr zur Natur" zu begreifen. Trotz aller Rousseauverehrung ist ihm nicht wie „dem größten Schweizer" Technik und Zivilisation an sich schon Zeichen und Prinzip des Bösen — sondern erst dann, wenn sie zum Selbstzweck erhoben und ihrem Mittler-Dienste entwachsen sind. So vermag er in dem Aufsatz „Die Botschaft der Titanic", geradezu ein Loblied anzustimmen auf die neueste Errungenschaft der drahtlosen Telegraphie, die ihm durch ihre Länder und Völker verbindende Kraft „eines der vielen Zeichen" scheint, „daß die Menschheit wird". Aehnliches