Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Der werdende Mensch und der werdende Jude
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 470 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101184-3107133--5322-3107162- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
470 fernst Simon! „Wirklichkeit" schließt oder ihr - ausweicht, verlängert sein Leben und erleichtert sein Amt; der Held aber, der Träger des Göttlichen in dieser Welt, fällt durch solche Fehle. Hier wird sein trauriges Ende wieder in die Sphäre der Tragödie erhoben, der es zunächst nicht angehört. Martin Buber erzählt im „Großen Maggid"*) folgende wundervolle Geschichte von Rabbi Menachem Mendel von Witebsk, der als letzter den Chassidismus auf den Boden des Heiligen Landes verpflanzt hath Zur Zeit, da Rabbi Menachem im Lande Israel wohnte, ereignete es sich, daß ein törichter Mann, ohne bemerkt zu werden, den Ölberg bestieg und vom Gipfel aus in die Schofarposaune stieß. Im aufgeschreckten Volk sprang die Kunde um, das sei das Schofarblasen, das die Erlösung verkündigt. Als das Gerücht zu den ..Ohren Rabbi Menachems kam, öffnete er das Fenster, sah in die Welt hinaus und sprach: „Da ist keine Erneuerung". So auch meinte Gustav Landauer zum Zionismus sprechen zu müssen. Solches aber erfuhr er selbst in seiner eigenen Sache vor seinem Ende. Gustav Landauer hat geirrt. Er mußte wohl irren. Aber auch ihm gilt das Wort aus Goethes „Aufgeregten", das er selbst einmal beruft: „Man kann auf dem rechten Wege irren und auf dem falschen recht gehen". VI. Man möchte ja Immer gern zusammenbringen, was man gleicherweise liebt. Landauer in „Skepsis und Mystik". Martin Buber hat den Grundzug seiner religiösen Forderung einmal dahin zusammengefaßt, daß es gelte, „das Unbedingte im Stoff der Erde auszuformen, Gottes Angesicht aus dem Block der Welt herauszumeißeln". Mit diesen Worten ist auch Gustav Landauers Glauben umschrieben. So sehen wir diese beiden Männer, die ein Leben lang durch innige Freundschaft verbunden waren, im Tiefsten ihres Wesens einig. Buber, dessen systematische Darlegungen im „Daniel" und den Reden über das Judentum nicht zufällig, sondern höchst sinnvoll von historischen und sammelnden Arbeiten aus dem Gebiete des Chassidismus ergänzt werden, lebt auch als Philosoph in der Welt der Chassidim. Aber auch in Gustav Landauers Gedankenbau ist Wesentliches von ihr aus zu verstehen. Denn auch er war — freilich wohl ohne es zu wissen — ein Chassid. Die methodische Grundlage seiner Philosophie ist die Sprachkritik, die des chassidischen Denkens ist das Ernstnehmen des Wortes, die tiefe Verantwortung ihm gegenüber. Es ist leicht einzusehen, daß Sprachkritik und Buchstabenmystik nur auf den ersten Blick hin Gegensätze bedeuten, daß sie in Wahrheit aber verschiedene Formen des gleichen Triebes sind: aus dem Wort-Ich das^Welt-Ich zu bauen. Die Freiheit dem Wort gegenüber, die uns durch Sprachkritik zunächst vermittelt wird, ist nicht nur und nicht *) »Der große Maggid und seine Nachfolge", Literarische Anstalt Kütten und Loening, Frankfurt am Main 1922.