Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Der werdende Mensch und der werdende Jude
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 469 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101184-3107133--5321-3107161- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der werdende Mensch und der werdende Jude 469 teuer und gefahrbringend, der die Folgerung des „Alles" zieht und stirbt. Der Bürger dagegen empfindet diese Forderung als s e e 1 i s c h e s Sicherheitsventil, ganz wie die Wohltätigkeit und soziale Gesetzgebung ökonomisches Sicherheitsventil des Kapitalisten sind. Er spricht sie daher dem Revolutionär gerne nach, aber e r zieht die Folgerung des „Nichts"! Ünd deshalb müssen wir auch dies Grausamste noch sehen und betrachten, immer wieder: daß Gustav Landauer am 2. Mai 1919 in München von weißen Bestien erschlagen worden ist. V. Zu dem sieglos Sterbenden redet der Abgrund sein unbarmherziges Wort. Buber in Landauers Grabschrift, dem „Heiligen Weg". „Und den haben sie erschlagen!" Diese Worte, die unter Landauers Bild in der sozialistischen Wochenschrift „Freie Welt" gestanden haben, drücken immer wieder unsern frischen Schmerz aus, wenn wir an diesen Tod denken. Bevor wir wagen dürfen, auch das Ende aus dem gesamten Leben und Werk zu deuten und es gar auf einen edlen Irrtum zurückzuführen, soll das Gefühl der Trauer und der Empörung noch einmal ganz lebendig sein in unseren Herzen. Dann aber dürfen wir Gustav Landauers Tod die tiefe Ehrfurcht der Sachlichkeit erweisen und ihn um seinen Sinn befragen. Er starb im fremden Volke und auf dem Boden fremden Geistes und Leibes. Er übertrug jüdische Inbrunst und jüdisches Tempo des Lebens und der Wandlung auf langsamere und schwerfälligere Menschen. An diesem Zwiespalt ist sein Werk zerbrochen. Wenn Landauer uns Hölderlin zeigt in seiner tiefen Sehnsucht nach dem Einklang mit der Umwelt und seiner Furcht vor der grauenvollen Einsamkeit des Unverstandenen, so schildert er vorahnend sein eigenes Schicksal. Und so dürfen wir sagen, daß Friedrich Hölderlins Wahnsinn und Gustav Landauers Tod zusammengehören — daß sie beide die Märtermale eines glühenden Willens sind, der nicht mehr warten und ausharren konnte. Das eigentlich Peinvolle an Landauers Ende aber, das es noch schmerzlicher macht als die Umdunklung des Lichtesten aller deutschen Hellenen, ist dies: sein Schicksal war Irrtum und nicht Erfüllung, es war nicht tragisch, obwohl es so traurig war. Wir meinen gewiß nicht, daß er innerhalb des jüdischen Volkes die ganze Erfüllung gefunden hätte, doch aber glauben wir daran, daß tiefstes Verständnis und umfassende Möglichkeit sein Teil gewesen wären. Und noch etwas macht uns diesen Tod so furchtbar. Gustav Landauer ist gerade deshalb-gestorben, weil er den Zionismus nicht in seiner lebendigen Schwere sah, weil er an ihn die lichte Forderung stellte, Märchenwelt und Wahn zu sein. Einmal hat er es sich zu leicht gemacht — und für diesen einen Irrtum ist er gestorben. Der Bürger, der Kompromisse mit der