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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 468

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
Der werdende Mensch und der werdende Jude
Date
1921-01-01
Page
468 (sequence 12)
Language
German
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IRI
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468 Ernst Simon: falls und zugleich eine der Vorbereitung und Erneuerung" war. Unerträglich ist uns-nur der Hegeische Gedanke, daß eine Zeit mehr Übergang sei als die andere und deshalb nichts als Stufe für höher geartete Epochen. In Wahrheit aber ist, wirklich jede Zeit Dung und Blüte zugleich, wie der Mann zugleich Sohn und Vater ist. So fühlen wir Zionisten die ganze Gegenwärtigkeit unseres Jude- und Mensch-Seins gerade in diesem Bewußtsein: Söhne der Väter und Väter der Söhne zugleich, endlich nach Jahrtausenden beides wieder wahrhaft in einem sein zu dürfen. Ganz so fühlte sich Landauer als Glied der werdenden Menschheit und als Vorbote und Vorarbeiter all ihrer Glieder, die nach ihm kommen. Im ewig fließenden Strome der Menschheit sucht und findet der Einzelne zwar nicht seinen Ruheplatz, aber seinen Tatort — und gerade dies: die Aufgabe gibt ihm das ersehnte Gefühl der Gegenwärtigkeit und das tätige Bewußtsein des Jetzt und Hier. So dürfen wir Landauers Wort vom Sozialismus auch auf uns beziehen und mit ihm glauben: „Die einst leben, werden es uns danken, wenn wir nicht für sie, sondern für uns, für unsere Seele leben. Denn damit eben leben wir für sie." Hätte Gustav Landauer den Zionismus so gesehen, wie man ihn sehen muß: als Angelegenheit des Zwischenreiches, das wir Leben nennen und das von den Gestalten des Märchens und der Tragödie bevölkert, aber nicht beherrscht wird, so wäre auch seine Theorie der Nation klarer und umrissener gewesen. Wie konnte ihm verborgen bleiben, daß ein Gradunterschied besteht zwischen der sublimen Art, durch sprachliche Einfühlung „Franzose zu sein", und der Kulturbestimmung, die in seinem Deutschtum waltete — daß weiterhin dies Deutschtum sich einordnen muß der geschichtlichen und biologischen Wesensmacht, die ihn Jude sein ließ in allem, was er dachte und tat? Er hat sich die Frage nach dem Primat des Eigen- oder Fremdnationalen gar nicht gestellt und sie daher falsch — nämlich zugunsten des Deutschtums — beantwortet. Und ebensowenig stellte sich Landauer die Frage nach dem Primat der Aufgabe, die heute für dieses jüdische Volk besteht. Seine Missionstheorie kommt zu früh. Viele Zionisten hoffen, einst in Erez Israel die liberale Weltbeglückungsidee durch nationale Arbeit an der Menschheit ersetzen und verwirklichen zu können, und jeder unserer praktischen Schritte sollte von diesem letzten Ziel her Sinn und Segen empfangen. Aber gerade deshalb müssen diese praktischen Schritte zunächst einmal getan werden; ganz so wie Landauer nicht auf den Zukunftsstaat warten wollte, sondern aus dem „Sozialistischen Bund" das Reich Gottes allmählich zu verwirklichen suchte. Man muß es zum Ueberdruß oft wiederholen, daß es sich hier um das prinzipiell Gleiche handelt, weil gerade Landauers hohes Bild den Lauen und Faulen, den bourgeoisen Idealisten und untätigen Schwärmern gern dazu dient, die eigene Schwäche hinter ihm zu verstecken. Die billige Forderung des „Alles oder Nichts" ist für den

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