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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 467

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
Der werdende Mensch und der werdende Jude
Date
1921-01-01
Page
467 (sequence 11)
Language
German
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Der , werdende ^Mensch und der werdende Jude 467 dem Sich-Finden der schon getrennten Söhne eines Volkes erblüht, er verstand nicht genug, daß es sich hier um ganz das Gleiche handle wie bei seinem sozialistischen Bund: von der Zelle her die Welt neu zu bauen, klein und bescheiden, aber heute zu beginnen und „das* Ende nicht zu bedrängen". Die Entscheidung zum langen Weg und der Wille zum tätigen Wartenkönnen waren ihm in seiner sozialistischen Tat so gegenwärtig und so von ihr absorbiert, daß er vom Zionismus Unmögliches verlangte. Am meisten störte ihn die Bewußtheit des jüdischen Nationalgefühls, die krampfhafte Art, sich und andere von einem doch Selbstverständlichen zu überzeugen. „Suchet nicht, so werdet ihr finden" — so etwa hätte er den sehnsüchtigen Juden zurufen können. „Suchet nicht — und dann habt ihr alles, was ihr sucht." Gerade aus dieser Einstellung geht hervor, daß er das tragisch zerrissene Judentum nicht gesehen hat — trotz „Beilis" und Shylock nicht! — sondern daß er ihm gegenüber eine Forderung erhob, die für die letzten Fragen, für Gott, zweifellos gilt, aber nicht für die vorletzten, die uns Menschen bewegen, wenn wir Zionisten oder Sozialisten sind. „So hoch steht mir der Sozialismus nicht, so hoch er mir steht, daß ich ihn ans Absolute anbinde; oder aber, so hoch steht mir der Sprachausdruck für das Weltgefühl nicht, daß ich das Wollen für die Lebensordnung der Menschen, für den Sozialismus, von einer Übereinstimmung in diesen Ausdrucksmöglichkeiten abhängig mache." Dies sagt Landauer in dem Aufsatz „Gott und der Sozialismus", und wir dürfen sein Wort hier gegen ihn selbst zeugen lassen. Zionismus ist das Wollen für die Lebensordnung jüdischer Menschen — und also ebenso wie der Sozialismus dieser metaphysischen Fragestellung enthoben. Dies soll — für beide! — nicht heißen, und Landauer meint es auch nicht, daß kein Zusammenhang zwischen den letzten Dingen bestehe; im Gegenteil: die vorletzten sind ohne die letzten, die Welt ohne Gott, das Werden ohne den Wahn nicht möglich — aber es gelten andere Kriterien der Tat. Hier gibt es Entscheidung und Wahl, Bewußtheit und Wille, Überwindung und Kraft — nicht nur Wunder und Natur, Selbstverständlichkeit und holdes Spiel wie in Gottes Märchenwelt. „Wenn der Sozialismus von einer Einigung der Menschen darüber abhängig wäre, wozu der Mensch lebe, wäre es wahrhaft traurig um ihn bestellt. Der Sozialismus ist im Vergleich mit diesen kühnen Fragen und unvergleichlich kühneren Antworten eine sehr bescheidene Angelegenheit." „Das vielmehr ist das Große am Sozialismus: daß er uns von den Wortgebäuden weg zum Bau der Wirklichkeit führt. Daß er Menschen eint in klar begriffener Notwendigkeit, was zu tun ist, um dem Moment zu entsprechen, Menschen, die im Wort und Wahn nicht einig sind und nicht einig sein wollen." Setzen wir immer Zionismus für Sozialismus ein und Landauer hat sich selbst die Antwort gegeben. Auch die Furcht, nur Übergang zu sein, hat sich durch diese Betrachtung aufgehoben. Landauer sagt es selbst, daß ja noch jede Zeit „eine des Ver-

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