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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 466

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
Der werdende Mensch und der werdende Jude
Date
1921-01-01
Page
466 (sequence 10)
Language
German
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Bewegung hatten sie nicht. Und wir müssen zugeben, daß der Zionismus sich oft den Anschein gibt, als wolle er den ganzen kulturellen Ballast der Vergangenheit abschütteln und nichts seinals Bewegung, doch aber zugleich das ganze Volk repräsentieren. Kultur ohne Bewegung ist tot, Bewegung ohne Kultur ist leer — und in dieser zweiten Gefahr glaubte Gustav Landauer den Zionismus und mit ihm das jüdische Volk. Er aber wollte nicht sich selbst, sondern andere bewegen, wollte wirken und nicht warten, wollte bluterfüllte Gegenwart, das Heute und das Hier, und konnte sich mit dem leeren Versprechen künftiger Arbeit und einstiger Erfüllung nicht zufriedengeben. Die leere Bewegung aber, als die er den Zionismus ansah, hat keine Gegenwart, sondern nur ein fernes Ziel, hat keinen Widerstand an der Sachwelt, der sich an ihr reibt, sie hemmt und furchtbar macht, sondern nur die Propaganda ihrer selbst, die Durchsetzung ihrer selbst als Bewegung. Daher verlangt sie von ihrem Hörigen den Verzicht auf seine Gegenwart und den Willen, nichts zu sein als „Brücke für kommende Geschlechter, als Vorbereitung, als Same und Dung". Doch „keiner, der eine Aufgabe * in sich spürt . . . vermag es, in suspenso zu leben". „Nation sein heißt ein Amt haben" — und dies Amt erfüllen im eignen kurzen Menschenleben mit eignen Kräften. Landauers Heute hieß der Sozialismus, Landauers Hier hieß deutsches Land und deutsche Sprache — und darum war ihm Zion keine Wirklichkeit und hebräisch kein Ausdruck seiner jüdischen Seele. Es liegt in dieser Auffassung die vielleicht geistvollste und jedenfalls die menschlichste Konzeption vor, die sich je dem Zionismus entgegengestellt hat. Wir wollen in stets gegenwärtiger Ehrfurcht vor Landauers hohem Geist und höherem Leben versuchen, seine Gedanken aus seiner eigenen Welt her zu widerlegen. Im Bezirk des Märchens, des Wahns, der prästabiiierten Harmonie gibt es nur einmal die Wahl des rechten Weges, und dann keine mehr — ebensowenig wie in der Welt der Tragödie. Das Leben allein, das zwischen beiden verläuft, ist das Gebiet der Entscheidung, d. h. des Grades. Landauer hat das sehr^gut gewußt und einmal sogar ausdrücklich ausgesprochen, daß im Leben die Gradunterschiede das eigentlich Entscheidende seien. Aber es geht über die Kraft eines Menschen, von zwei Seiten her gleichzeitig das Land der Tragödie zu betreten und seine Märchensicherheit in diese doppelte Gefahr hineinzutragen. Weil er dfe werdende Menschheit bauend suchte und suchend baute, entging ihm, daß auch Judentum heute nicht Wahn, sondern Welt, nicht Wirklichkeit sondern Werden ist. Ueber dem werdenden Menschen hat er den werdenden Juden vergessen oder nicht sehen können und hat so die Forderung der Vollendung an Dinge und Menschen gestellt, die mitten in der Entwicklung sind. So verschob sich ihm das Bild der echten Zionsbewegung vor ihrem Zerrbild; er wertete ihre strenge Leibhaftigkeit nicht genügend, die sich im beginnenden Autbau des Landes verkörpert; er sah ihre holde Gegenwärtigkeit nicht klar, die aus

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