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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 465

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
Der werdende Mensch und der werdende Jude
Date
1921-01-01
Page
465 (sequence 9)
Language
German
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IRI
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Der werdende Mensch und der werdende Jude 465 engerung seines Inhalts zur Folge haben muß. Nicht Land, nicht Sprache, nicht Rasse, sondern gemeinsame Ausdrucksform auf Grund gemeinsamer Geschichte (die auch Geschichte des Weltproletariats sein kann) machen die Grundlage der Nation aus. Solcher Art gemeinsame Erlebnisse in Vergangenheit und Gegenwart können den Kulturmenschen aber mit vielerlei Kreisen verbinden» und darauf beruht für Landauer die Möglichkeit, vielerlei „Nationen" und vor allem der deutschen und jüdischen zugleich anzugehören. „Mein Deutschtum und mein Judentum tun einander nichts zuleid und vieles zulieb" — er wollte von keinem „Entweder-Oder" hören und glaubte bei einem „Und . . . Und" bleiben zu können, das allerdings auch hier — ganz im nSinn unserer bisherigen Betrachtung — nicht als faules Kompromiß (der Assimilation) und nicht als verschwommene Synthese (irgend eines kulturellen Ost-Westlertums), sondern als klare Wechselwirkung zweier klarer Komponenten zu verstehen ist. „Ich habe nie das Bedürfnis gehabt, mich zu simplifizieren oder durch Verleugnung meiner selbst zu unifizieren; ich akzeptiere den Komplex, der ich bin, und hoffe noch vielfältiger zu sein, als ich weiß." Die jüdische Komponente hat in diesem Komplex nun selbstverständlich ihre klar umrissene Aufgabe: und zwar ist es „das Amt" des jüdischen Volkes, „auf den Messias in Verbannung und Zerstreuung zu harren und der Messias der Völker zu sein". Diese Missionstheorie grenzt haarscharf an die bekannte des Liberalismus und ist deshalb haarscharf von ihr zu unter-' scheiden: Gustav Landauer meinte nicht durch die abstrakte Verbreitung der „ethischen Postulate des Judentums" für den Weg der werdenden Menschheit zu arbeiten, sondern durch die Gründung des sozialistischen Bundes, durch die Förderung gerechter Menschengemeinschaften in Deutschland und überall in der Welt — auch in Palästina. Das Ethos seiner messianischen Forderung unterscheidet sich ungeheuer von der des Liberalismus. Aber — und dies muß allerdings hinzugesetzt werden — dieser ungeheure Unterschied ist nur einer des Grades. Von solcher jüdischen Einstellung aus unternimmt es Landauer, an der Renaissancebewegung des jüdischen Volkes, am Zionismus, liebevoll besorgte und daher strengste Kritik zu üben. Er erkennt mit unheimlicher Schärfe den schwachen Punkt, der damals (1913) wohl doch kaum schon so sichtbar war wie heute: die Gefahr des leer laufenden Nationalismus, der wie ein schnurrendes Rad emsig um sich selber kreist, dem aber der verbindende Treibriemen und also die Möglichkeit fehlt, etwas anderes, Sachliches, die Maschine, das wirkliche Volk selbst mit zu bewegen. „Nation ist eine Bereitschaft oder Disposition, die dürr und hohl und klappernd wird, wenn sie ohne Verbindung mit der Sachwirklichkeit, mit Aufgaben und Arbeiten auftritt und wenn sie anderes ist als deren Ursprung und Tönung." Wir dürfen sagen, daß die zweitausend Jahre der Diaspora, die vom Entstehen und Weiterwirken des Talmuds ausgefüllt waren, eine hohe Kultur hatten.

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