Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Der werdende Mensch und der werdende Jude
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 464 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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464 Ernst Simon: IV. Sie hatten das Ende bedrängt, sie verbrannten in seinem Anhauch. Buber in der Einleitung zum „Großen Maggid". In dem Buche der „Der werdende Mensch" sind alle wesentlichen Aufsätze Gustav Landauers „Über Leben und Schrifttum" vereinigt. So kommt denn auch jenes nationaljüdische und zugleich deutsche Bekenntnis wieder zum Abdruck, das für das zionistische Sammelbuch „Vom Judentum" geschrieben war und den Titel trägt: „Sind das Ketzergedanken?" Es sind Ketzergedanken, aber solche von fruchtbarer und befreiender Wirkung. Sie geben uns Gelegenheit, Landauers Stellung zum Judentum im Rahmen seiner Gesamtanschauung eingehend und kritisch zu betrachten. Von seinem Blut hat~ Landauer früh gewußt, schon zur Zeit als er „Skepsis und Mystik" schrieb. „Das Menschen Geblüt und seine Blutgemeinde sind sein Innigstes und Verborgenstes." So war er Nationaljude seit dem Augenblick der ersten Selbstbesinnung, seitdem er zum erstenmal die Grundlagen seines Wesens prüfend beklopft und behorcht hatte. Doch war ihm „Nation" ebensowenig wie je ein anderer Begriff ein Kriterium von irgendwelcher Ausschließlichkeit. Er glaubte sich der deutschen Nation nicht minder verbunden als der jüdischen, der erlesenen Nation der „Geistigen" ebenso angehörig wie der Nation der „werdenden Menschheit", der Nation der Einzelnen ganz so verwandt wie der des Proletariats. Seine Bestimmung des Begriffes „Nation" ist sehr weit gespannt, wie schon aus diesen Beispielen hervorgeht, sie lautet wörtlich: „Nation ist die besondere Art, in der in einer auf Grund gemeinsamer Geschichte zusammengehörenden Gemeinschaft das Allgemeinmenschliche und . das individuell Einmalige sich ausdrücken".*) Das einfachste Kriterium dieser Gemeinsamkeit ist ihm die Sprache, die er mit seinem sprachkritisch geschärften Denken auf spezielle Ausdrucksformen der einzelnen Nationen untersucht. So ergibt sich für ihn die Möglichkeit, Franzose zu sein, wenn er „ohne übersetzen zu können, eine französische Wendung bis aufs Letzte versteht", so fühlt er sich andererseits der Zahl derer angehörig, „die in fremden Völkern als einzelne zu Walt Whitmans Volke gehören." Wobei nicht die Amerikaner schlechthin, sondern Walt Whitman Amerikaner gemeint sind. Die gemeinsame Sprache ist nur die einfachste und deutlichste, nicht die einzige Form, in der sich die Gemeinsamkeit des Reagierens ausdrücken kann; es gibt eine solche auch innerhalb verschiedener Sprachkreise, und daher erkennt Landauer — gerade auch in dieser Untersuchung — das jüdische, sprachgespaltene Volk ausdrücklich .als Volk an. Wir haben es hier demnach mit einer ungewöhnlichen Erweiterung des Begriffes „Nation" zu tun, die nach den Gesetzen der Logik eine Ver- *) Aus dem Aufsatz „Zum Problem der Nation" im „Werdenden Menschen«,