Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Der werdende Mensch und der werdende Jude
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 463 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101184-3107133--5315-3107155- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der werdende Mensch und der werdende Jude 463 Landauer kein besseres Wort als „W echselwirkung" weiß, in der beide Elemente als solche erhalten bleiben und in ewig lebendigem Hin- und Widerspruch die Wirklichkeit gestalten. Landauer ist von diesem Grundgedanken seiner Theorie und Praxis so beherrscht, daß er auch Shakespare ganz in diesem Lichte sieht: der Widerstreit und endliche Ausgleich zwischen „Trieb und Geist*, den er bei ihm immer wieder aufdeckt*), bedeutet auf der dichterischen Ebene nichts anderes als seine eignen politisch-konstruktiven Versuche auf der Ebene des Lebens. Der letzte Akt des „Kaufmanns von Venedig", in dem alle Gegensätze zu einem aus der Tiefe heiteren Spiel gebunden sind, unterscheidet sich nicht viel von dem Wunschbild, nach dem er seinen „Sozialistischen Bund" mitten hinein in die tragische Wirklichkeit unserer Tage zu stellen versuchte. Aus diesem Willen zur Einheit erklärt sich die Eigentümlichkeit seines Stils, entgegengesetzte Begriffe wie „hoffnungslos lustig" hart nebeneinander zu stellen und so ihre sich gegenseitig bedingende Zusammengehörigkeit zu erweisen. Wenn er von Whitman sagt, er vereine „gleich Proudhon, mit dem er in vielem geistig verbunden ist, konservativen und revolutionären Geist, Idealismus und Sozialismus", wenn er am antiken Judentum rühmt, es habe im Jobeljahr „den Aufruhr als Verfassung" besessen, wenn er Tolstoi und Rousseau darstellt als „eine Einheit von Rationalismus und inbrünstiger Mystik", wenn er nur dem „Spiel aus Notwendigkeit" wahre künstlerische Freiheit zubilligen will wenn er „das von Tat erfüllte Phlegma" als wichtigstev^Eigenschaft revolutionären Autbaus fordert — so spüren wir hinter all diesen biographischen Schilderungen und politischen Grundsätzen immer stärker und lebendiger die große Zwei-Einheit seines Menschentums. Er war ein „sanfter Held", wie Shakespeare den Brutus kennzeichnet, Brutus, in dem Landauer mehr als ein Vorbild, in dem er ein Abbild des eigenen Ich, einen echten Bruder sah. Aber Gustav Landauer war zu groß und zu weit, um nur seinesgleichen zu lieben — den edel-triebhaften Cassius, den bewußten und großen Caesar, ja auch den verschütteten und schwälend ausbrechenden Shylock noch nannte er Mensch und Bruder. Er gehörte zu den Seltenen, die die Menschen kennen und sie dennoch lieben« Seine Menschenliebe ist nicht Selbsttäuschung, seine Erkenntnis wird nicht Härte, sondern Erkennen und Lieben wachsen ihm zusammen, wie sie im Geist der hebräischen Sprache zusammenwuchsen,, die für diese beiden tiefsten Gegensätze menschlichen Verhaltens dasselbe Wort hat. Denn Gustav Landauer war Jude. *) In dem zweibändigen Werk „Shakespeare**, das aus seinem Nachlaß yon Martin Buber in der Literarischen Anstalt Rütten & Loening, Frankfurt ä. M. 1920, herausgegeben worden ist