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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 462

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
Der werdende Mensch und der werdende Jude
Date
1921-01-01
Page
462 (sequence 6)
Language
German
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462 Ernst Simon: paar in einem Märchen des Rabbi Nachman gerade sieben Bettierfreunde, die ihm einst Wohltaten erwiesen haben und nun — einer nach dem andern — jeden der sieben Hochzeitstage als ein „neues Gesicht" verschönen. Denn so will's das Gesetz: neue Gäste müssen da sein, wenn alle sieben Segenswünsche gesprochen werden sollen. Und dies Märchen will dasselbe wie das Gesetz. Im Leben gibt es diesen Zustand sonst nicht, ebensowenig wie den entgegengesetzten, der uns auf den Boden der Tragödie führt: den der prästabilierten Disharmonie, in den nichts zum andern paßt. Unser Leben läuft zw i s c Ii e n Harmonie und Disharmonie, zwischen Wahn und Welt, zwischen Märchen und Tragödie mitten hindurch. Sinnerfüllte Zeiten nähern sich in ihrer Art, nicht notwendig in ihrer Produktion, der ausgeglichenen Welt des Märchens, sinnentleerte Zeiten gleichen der zerklüfteten Erd-Himmel-Spaltung der Tragödie. Philosophen, die mit der eigenen Zeit zufrieden sind, gießen ihr System in die ruhende Form der prästabilierten Harmonie*); die Unzufriedenen wählen die Utopie, das Gleichnis, das Märchen, den Wahn. Diese Betrachtung soll zweierlei klar, machen. Einmai die tiefe Selbstverständlichkeit, in der diese Menschen des Wahns handeln. : Sie schreiten im wörtlichsten Sinn „mit der Sicherheit von Nachtwandlern", und ihr Sein ist ausgeglichen, klassisch-formvoll, rund wie ein Kunstwerk, bis — und nun kommt das Zweite — bis sie aus ihrer „Natur" eine wirkende „Kraft" machen, das heißt, bis sie den Wahn verwirklichen müssen. In diesem Augenblick sind sie vom Boden des Märchens auf den der Tragödie übergetreten. Aber auch hier noch bewahren sie in sich die apollinische Welt ihrer inneren Sicherheit, und gerade dieser Zug gibt ihrem Leben jene lichte Heiligkeit, ihrem Sterben noch jene stille Freude. Sie kennen alle das Unglück der Welt, sie wissen davon, aber sie glauben nicht daran. Doch eine Sehnsucht lebt in ihnen und treibt sie immer wieder in die Sphäre des Versuchs und der Versuchung hinaus: die Sehnsucht nach der Welt, die ihnen gleiche. Schwer nur tragen sie erzwungene Einsamkeit; wie schwer sie Landauer trug, zeigen uns seine Deutungen von Goethe als Politiker und von Hölderlin im „Werdenden Menschen". Auch hier wieder spricht er ganz von sich, je lebendiger und echter er von den Großen erzählt. Und dies ist Glück und Ende, Amt und Fehlschlag all jener Menschen des Märchens auf dem Boden der Tragödie: sie suchen die Wechselwirkung, den Ausgleich, die Einheit zwischen Traum und Trieb, zwischen Wahn und Welt, Sie suchen nicht das iComproraiss, in dem beide Elemente erst ihres Eigenen entkleidet sind, um dadurch bündnisfähig zu werden, und auch nicht die Synthese, in der sie ausgelöscht, neutralisiert in einander aufgehen. Sondern eben jene Einheit höherer Art, für die auch *) Man denke an Aristoteles, Leibniz und Hegel,

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