Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Der werdende Mensch und der werdende Jude
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 461 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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-Der werdende Mensch und der werdende Jude 461 dürfen wir von ihm selber sagen, daß Gustav Landauer zum Leben verurteilt war. Er trägt dies Schicksal in Freude, Gesundheit und natürlicher Kraft. Sein schöner männlicher Kopf blickt aus klaren Augen in die Welt und keine Illusion trübt ihm den Blick und erleichtert ihm die Tat. Er sieht voraus, daß dieser Krieg kommen muß, er weiß und prophezeit, daß auch die Sozialdemokratie ihn nicht verhindern, sondern vielmehr stützen wird, und sogar, daß die Revolution nur im Negativen stark sein und dann an dem zu schaffenden Provisorium zugrunde gehen wird, weil sie zum falschesten Mittel: zum Terror griff, ist ihm scharf bewußt und steht unbarmherzig deutlich in seinen Schriften. So ist dieser Große, den die Phantasten für einen Kompromißler, die Kompromißler für einen Phantasten halten konnten, in Wahrheit einer von den seltenen Menschen, die sehenden Auges leben. Dies gibt ihnen die übernatürliche Sicherheit des Traums, oder — wie Landauer lieber sagt — die des „Wahns". Denn wie aus Skepsis Mystik ward und wie die Gemeinschaft aus dem Ich wachsen soll, so sind auch auf diesem zentralsten Gebiet die Gegensätze zur Einheit gebunden: aus dem Erkennen der Welt steigt der Wille zum Wahn. Er ist die eigentliche Triebfeder allen Tuns: Gott, Volk, Menschheit sind gleichzeitig Wähn und Wirklichkeit ganz wie in Strindbergs Traum&piel, dessen „reale Phantastik" Landauer bewundert, erst aus Traum und Trieb zusammen das Leben sich gestaltet. Um diesen immer gleichen Begriff des „Wahns" bei Landauer, der „bewußten Illusion" bei Mauthner, des „Mythos" bei H ö 1 d e r Ii n, der „Legende" bei B u b e r, des „Traums" bei Strindberg— und auf einer tieferen, weil pragmatischen Stufe, auch den der „Lebenslüge" bei Ibsen — ganz zu verstehen, darf man an nichts Verschwommenes oder gar Erdichtetes denken, sondern vielmehr an eine mitten im Leben verborgene Realität. Landauer, der die Wirklichkeit: Volk „einen echten Wahn" nennt und dem die Revolution „das gedrängte Tempo des Traumes hat", drückt jene hier gemeinte Konkretheit einmal in dem Satze aus: „Die Phantasie, das Ideal der Wahn ... ist das Leben selber; wie könnten wir leben, wenn wir nicht träumten". Wie seinem sprachkritischen Denken die Worte als Elemente der Logik nur Metapher sind und wie sie gerade dadurch zum Symbol werden, so schafft sich der ethische Wille des „Sprachkritikers der Praxis" für den Bezirk des Handelns die Wirklichkeiten von Traum und Wahn. Aus der Wahrheit, der wir uns opfern, wird der Wahn. Aber wir sollen uns opfern und dabei wissen, daß diese Verwandlung vor sich geht. So hat er sein Leben der Wahrheit, dem Wahn, der Wirklichkeit: Revolution hingegeben. „Prästabilierte Harmonie" nennt die philosophische Sprache den Zustand, der ganz rein nur im Märchen erreicht ist: daß alle Dinge zueinander passen. Das Gute siegt immer, und das Böse wird immer bestraft. Dornröschen findet nach der fluchenden Fee eine letzte, die segnet — das Bettler-