Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Der werdende Mensch und der werdende Jude
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 460 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4Öo Ernst Simon: An Bakunins Kommunismus erinnert Landauers Gedanke, die „Bodensperre" aufzuheben, um den Terminus Franz Oppenheimers zu gebrauchen, an Kropotkins „Gegenseitige Hilfe" sein Prinzip, das er in Theorie und Praxis gern mit dem für ihn nicht abgegriffenen Worte „Wechselwirkung" bezeichnet, und an Tolstoi schließlich die scharfe Ablehnung der Gewalttat, der Protest gegen das .unheilige Mittel zum heiligen Zweck, der religiöse Wille, den unglücklichen Ring von Ursache und Folge, Utopie und Topie, Revolution und Restauration endlich einmal zu durchbrechen, neu anzufangen, einen Neubruch zu graben. So wird er zum schärfsten — und hier manchmal ungerechten — Gegner aller Versuche, die das Schicksal von Menschen und Völkern wissenschaftlich-gesetzlich vorherzubestimmen suchen und damit die nrinzipielle Möglichkeit eines solchen „Neubruchs"ja schon verneinen. Marxens ökonomische Geschichtsauffassung, Freuds materialistische Psychologie und Hegels dialektischer Stufenbau sind ihm gleich verhaßt als Hemmnisse der freien Tat des revolutionären Menschen. Die Höherentwicklung und der Fortschritt, der Sozialismus und der Weltfriede — sie müssen gar nicht kommen; wenn wir Menschen sie nicht,verwirklichen, jetzt in diesem Augenblick und hier an diesem Orte. Aus der Wiedergeburt des Ich soll die Wiedergeburt der Welt erstehen. Landauers mystischer Wille, „das Wjeltall leibhaftig im Eigenen zu finden", ist zugleich die Basis seiner Sozialphilosophie, die aus der kleinsten Zelle, aus der Gemeinde, in der „die Liebe wohnt", zu immer größeren Kreisen organisch sich ausbreitend, die Gemeinschaft des freien Volkes auf freiem Grund erbauen will. „Weder der sittliche Phillister noch der Obermensch sind der Zweck des Weltalls" — sondern, so dürfen wir fortsetzen, der freie Bürger. Des steht schon in „Skepsis und Mystik" und zeigt die gemeinsame Grundwurzel von Landauers philosophischen und ökonomischen Ideen. III. Das ist die Liebe zu den Menschen, ihr Bedürfen zu spüren und ihr Leid zu tragen. Rabbi Mosche Leib in Bubers „Großem Maggld." Dies also ist Landauers Hauptfrage: wie die Idee und die Welt zueinander finden und gemeinsam die Wirklichkeit zeugen. Die Wirklichkeit ist ihm Problem. Er nimmt sie nicht mit dem naiven Realismus des Wortgläubigen, verwirft sie nicht mit dem naiven Idealismus des Philosophieprofessors, sondern ringt um sie in Gedanken und Tat. Nicht Sattsein und nicht Müdesein, nicht Zufriedenheit und nicht Abkehr scheint ihm würdige Haltung des wahren Menschen: sondern der Wille zu wandeln und die Kraft zu beharren tun not. Das „was in der weiten Bahn zwischen Ich und Gott, zwischen begehrendem Trieb und Unterwerfung verläuft, heißt Leben." Leben — doch nicht Leiden; und wenn er Strindbergs Selbstbekenntnis „Ich bin zum Leiden verurteilt" in tiefer Anteilnahme zittert, so