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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 459

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
Der werdende Mensch und der werdende Jude
Date
1921-01-01
Page
459 (sequence 3)
Language
German
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Öer werdende Mensch und der werdende Jude 45Ö Gottinnigkeit ihrer Begrenztheit enthoben durch die ~~Weite einer alles umfassenden Natur- und Welt-Liebe, und so jedes Element durch das andere verändert, umgebildet und einem Neuen, Ganzen zu eigen gemacht. So ist denn Landauers Weltanschauung durchaus von der Geschlossenheit des philosophischen Systems, wenn auch nicht in der Weise, daß dieser Bau nun irgendwo fertig vor uns stünde wie in Hegels Enzyklopädie oder in Hermahn Cohens großem Werk. Sondern so steht es um den systematischen Einheitsbezug, der in Landauers Schreiben und Tun waltet: die Grundanschauung steckt pochend und atmend in allen seinen Aufsätzen, Reden, Kritiken mitten drin und zwar immer im Kern. Der „Aufruf zum Sozialismus" so gut wie die „Revolution«, die ältere Aufsatzsammlung „Rechenschaft" nicht minder als die neue, hochbedeutsame „Der w erdende Mensch"*) zeigen tiberall und immer den ganzen Menschen, immer Gustav Landauer. Nie ist sein Ich voll vom schwellenden Gefühl des eigenen Seins, immer erfüllt von Gott,, von der Welt, von den Brüdern auf dieser Menschenerde. Und hier ist der Punkt, wo eine andere Ahnenkette einmündet, die durch die großen Namen Proudhon, Bakunin, Kropotkin und Tolstoi bezeichnet ist. Das irreführende Wort „Einfluß" soll auch weiter vermieden werden, wenn jetzt Landauers Beziehungen zu diesen An-Archisten zur Darstellung kommen. Man denke vielmehr ganzleibhaft und wirklich an das Bild der Ahnenreihe: wie jeder Mensch in sich Eigenschaften und Antriebe längst verstorbener Voreltern entdeckt, deren unmittelbaren Einfluß er gar nicht mehr hat erfahren können, so steht es im wesentlichen auch mit Landauers ganz ursprünglichem Denken. Auf ihn selbst trifft zu, was er von Walt Whitman sagt: „Obwohl Whitman viel gelesen hat, war er doch gar kein Leser und Zusammenleser, nahm nur das in sich auf, was schon vorher in ihm war". So also ist es zu verstehen, wenn wir in Landauers Sozialiehren ebenso Bestandteile von Vorläufern finden, wie das für seine philosophische Anschauung schon gezeigt wurde. Zunächst sind ihm drei Grundgedanken mit Proudhon gemeinsam, den er in dankbarer Bekennerschaft den „größten Sozialisten" zu nennen pflegt: einmal die Feindschaft gegen den Staat und sein mechanisierendmörderisches Prinzip, das alles Leben erstickt und zu lebensfremden Zwecken wie Krieg und Ausbeutung mißbraucht; dann die Auffassung des Geldes, das aus einem nützlichen Mittel des Tausches zum verheerend wirkenden Selbstzweck geworden ist und sich durch ekle -Teilung fortsetzend als widerliche Mißgeburt den Zins gebar, schließlich aber auch der positive Gegenvorschlag*- 'der Gedanke der Genossenschaft, der freien und gegenseitigen Selbsthilfe, wenn auch nicht in der Beschränkung auf das für Proudhons Zeit zulängliche, heute unzureichende Instrument: die Tauschbank. *) Herausgegeben im letztwilligen Auftrag Landauers von Martin Buber, im Verlag Gustav Kiepenheuer, Potsdam 1921. 30*

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