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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 458

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
Der werdende Mensch und der werdende Jude
Date
1921-01-01
Page
458 (sequence 2)
Language
German
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IRI
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458 Ernst Simon; Immer wieder aber treten in solchen Zeiten des Überganges vereinzelte und tragödische Männer auf, die ihrer Umwelt als Utopisten gelten. Sie wollen ihren „Charakter", ihr Sein und dessen Sinn, nicht in umfriedeter Einsamkeit bewahren, sondern in gefährdeter Wirksamkeit bewähren, Sie wissen von der zeitigen Aussichtslosigkeit ihres Kampfes, aber sie glauben an seinen Sieg in der Welt der wahren Wirklichkeit, an der sie bauen helfen. Sie machen Politik mit dem „unpolitischen" Mittel der Wahrheit, obwohl und weil sie genau so gut wie die Klugen wissen, daß dies nicht geht. Ihr Aufruf zum Sozialismus, zum wahren Staat, zur echten Gemeinschaft hat in der Geschichte der Menschheit verschiedene Namen getragen und verschiedene Folgen gewirkt. Die Reihe dieser Männer und Taten repräsentiert die werdende Menschheit — als ihr zunächst letztes Glied steht Gustav Landauers Leben und Sterben vor unserer Welt II. Wer seiner voll ist, in dem hat Gott keinen Raum. Buber im „Baalschem". Piaton und Jesus, die Seisachtheia des Solon und der ähnlich gestaltete Schulderlaß des antiken Judentums im Jobeljahr — das ist Landauers Ahnenkette, soweit er der Sohn der Menschheit ist. Als Sohn der Zeit, der er außerdem war, sind ihm auch anders geartete Lehrer erstanden, doch immer solche von seltenem Wuchs "und Ausmaß. Seine erste theoretische Arbeit, „Skepsis und Mystik", ist ein Versuch, Fritz Mauthners „Sprachkritik" weiter auszubauen, an deren Entstehen er schon mitbeteiligt gewesen war. Der junge und stürmisch konsequente Denker treibt hier eine Art von erkenntnistheoretischem Bolschewismus und sucht sich durch die tiefste Zerstörung den Weg zu neuem Autbau. Das Wort wird — wie schon bei Mautnner -— als allmächtiger Herrscher unseres Denkens und Lebens erwiesen und gerade dadurch in seiner Nichtigkeit bloßgestellt; die Festigkeit von Substanz und Materie wird in den unendlich fortschreitenden und zurückflutenden Fluß des Geschehens hineingerissen und gerade dadurch wieder zu dem neuen Sinn erhoben: Treff- und Ausgleichspunkt entgegengesetzter Ströme zu sein; der Glaube an Gott, den Schöpfer, und an die von ihm geschaffene Welt geht in einem Atheismus unter, der diese Vorstellung als unsere Vorstellung, also als Menschenwerk, als Götzen zu erweisen sucht — und gerade dadurch dem schöpferischen Ich die Möglichkeit gibt, Gott und Welt neu zu zeugen, oder — wie Landauer lieber sagt — Gott und Welt selber zu sein. So wird aus der tiefsten Skepsis die höchste Mystik geboren. Wir erkennen in dieser Weltanschauung die Spuren platonischen Ideendichtens, Meister Eckhartscher Gottinnigkeit, spinozistischgoethischer Naturbeseelung und fichteschen Ich-Stolzes in einer eigenartigen und bedeutenden Umgestaltung wieder: den Ich-Stolz gemildert durch das skeptische Wissen vom ach! so fragwürdigen Wesen dieses Wortes: Ich, die

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